Monat: Oktober 2008

Dienstleistungsgesellschaft? 2- Deutsche Post Angestellte

Das grelle Schellen der Haustürklingel weckt mich unsanft. Verschlafen trotte ich zur Sprechanlage, wahrscheinlich wieder irgendso ein Zeitungsjunge/-mädchen, denke ich mir, dass wie immer bei uns klingelt, erster Name, links oben. Ich murmele irgendwas, schrill tönt es zurück „Ja, hallo, ein Paket für Sie“ und ehe ich der Frau am anderen sagen kann „4. Stock, ganz am Ende rechts“, höre ich dreist „Ich stelle es Ihnen in den Aufzug, ja! Sie können es sich ja dann rausnehmen, kommt ja keiner!“. Ja, kommt ja keiner von den drei Anwälten, Sparkassenangestellten, zwei Psychiotherapeuten und Hausbewohner, die hier ständig ein- und ausgehen, besonders am Morgen. Gern hätte ich der Postfrau irgendwas Bösartiges entgegengeschrien, aber dafür war ich 1. zu schlaftrunken um zu denken und die Postfrau 2. auch schon im Hausflur mein Paket in den Aufzug stellend.
In den Filialen der Deutschen Post geht es nicht weniger inkompetent zu. Je länger die Schlange wird, desto desinteressierter wirken die Angestellten, so scheint es. Ein Plausch mit dem Paketmann hier, unmotiviertes Rumstehen da und wenn die Schlange schon fast bis auf die Straße reicht, verschwinden die Damen mal kurz, irgendwohin, wahrscheinlich um Briefmarken zu sortieren oder ähnlich unwichtiges. Von dem Gesicht, dass einem bei der Begrüßung am Schalter entgegengebracht wird, will ich gar nicht erst reden.

Technischer Fehler

Der Drucker/Scanner/Kopierer frisst mein Papier. Netzwerkverbindung konnte nicht hergestellt werden. Alice wählt sich nicht ein. Der Kühlschrank friert meinen Joghurt im untersten Fach. Oben ruht das Wasser im Eiswürfelbehältnis. Die Fernbedienung weigert sich trotz neuer Batterien irgendwas zu machen. Dafür läuft die Waschmaschine regelmäßig aus. Immerhin, meine Mikrowelle liebt mich.

Königin der Morgenfrüh

Entweder scheint des Nachbars Köter einen unerklärlichen Hass auf mich in den sechs Wochen, die ich hier schon wohne, entwickelt zu haben oder er findet es ganz schau, dass er jetzt wieder eine Studentin aus dem Schlaf bellen kann. Es ist nicht etwa so, dass er jeden Morgen 6 Uhr seine morgendlichen Stimmübungen macht, das nur am Wochenende, aber jeden Morgen weckt er mich kurz bevor der Wecker seine Arbeit getan hätte. Generell möchte ich von niemandem, auch nicht den Malern, die gerade jeden Morgen das Treppenhaus beschallen, aus meinen sehr spannenden Träumen gerissen werden. Dennoch bevorzuge ich meinen Wecker bei dem ganzen Lärm, der nervt wenigstens monoton.

Dienstleistungsgesellschaft?

Zu diesem Thema, das sage ich vorab, bin ich vorbelastet. Ein knappes Jahr habe ich bei der Sport- und Lifestyle Marke Puma im Verkauf gearbeitet. Das heißt nicht, das ich nur hinter der Kasse stand, Artikel entsicherte, einscannte und Geld entgegen nahm, sondern aktiv Sachen an den Mann/Frau brauchte. Bedürfnisanalyse, soweit möglich und der Kunde kommunikativ, Beratung, Produktinformation geben, Alternativen aufzeigen, was man eben so Dienstleistung in einer Dienstleistungsgesellschaft nennt. Puma setzt in dieser Hinsicht besonders hohe Anforderungen an seiner Verkäufer. Das sage ich nicht, weil ich der Marke huldigen will oder Knebelverträge unterschrieb, die es mir verbieten abwertend über meinen ehemaligen Arbeitgeber zu reden, sondern weil es einfach so ist. Bei anderen großen Sport- und Markenartikelherstellern ist das größtenteils nicht anders.
Seit meiner Zeit bei Puma stelle ich also größere Ansprüche an einen Verkäufer als ich das zuvor getan habe. Natürlich will ich immer noch nicht sofort beim Reinkommen mit einem desaströs affektierten Grinsen begrüßt werden und die neuste Kollektionen in all ihren Formen und Farben vorgestellt bekommen, zumindest aber den Anschein eines Interesses am Kunden, mir, wahrnehmen. Mit dem soll der Laden schließlich sein Geld verdienen.
Mehrfach ist mir beim Shopping in Leipzig aufgefallen, dass die Verkäufer kleinerer, sowie größerer Läden, die junge Markenartikel verkaufen, nicht nur ein gnadenlos gelangweiltes Gesicht ziehen, sondern den Gast auch nicht begrüßen, ihn gar ignorieren, und sich lieber mit anderen Dingen beschäftigen, die nichts mit Verkauf zu tun haben. Essen zum Beispiel. Da freut man sich doch bei dem Gedanken, dass mit den krümeligen, schmierigen Händen im nächsten Augenblick die Ware angefasst wird. „Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?“, fällt mir da ein und wahrscheinlich denken sich das die Verkäufer auch, die sich am liebsten sofort auf die für die Gäste vorgesehenen Sessel lümmeln würde. Ach nee, das machen die ja schon! Bei einem Plausch mit ihren Freunden. Ein leichtes wäre es für mich gewesen da etwas mitgehen zu lassen. Mach ich natürlich, denn ich weiß, wie es dem Geschäft schaden würde. Den Verkäufern in diesen Läden scheint das aber entweder nicht bewusst oder egal zu sein.
In Berlin sieht das alles ein bisschen anders aus. Da weiß man um seine Stellung als Weltstadt und wie man das möglichst lange bleiben möchte- nämlich indem man seine Dienste anbietet. Auch wenn die Berliner für ihre Großmauligkeit bekannt sind, immerhin interessieren sie sich für ihre Kunden. Natürlich gibt es auch dort Ausnahmen, aber selbst in kleineren Läden begrüßen einen die Verkäufer mit einer angenehmen Freundlichkeit und dem Versuch es dem Kunden gemütlich zu machen. Schließlich öffnet in Berlin jede Woche ein neuer Shop von einem neuen Jungdesigner oder Menschen, die sich mit Franchising selbstständig machen wollen- bei diesem riesigen Angebot und Konkurrenzdruck muss man einen gewissen Standard einhalten, um zu überleben.
Nun ist es nicht so, dass es in Leipzig komplett andere Markenläden als in Berlin gibt. In Berlin jedoch scheint den Storemanager eher an einer Schulung der Verkäufer gelegen als hier. Oder den Verkäufern an einer Ausübung ihres Berufes.

Don´t look back in anger…

…möchte ich am liebsten all den Musikjournalisten ins Hirn hämmern, die Oasis immer noch auf die drei vergangenen mittelmäßigen Alben reduzieren. Jetzt, da nach drei Jahren endlich das neue Album „Dig out your soul“ erschienen ist, ist es ja recht gemütlich die alten Kamellen vorzukramen. Reiche nich an „Definitely, maybe“ und „What´s the story…“ ran, Britpop sei tot und wieso in Herrgotts Namen schreibt Noel nicht mehr ALLE Texte, der Rest sei eh immer nur gerade so erträglich und überhaupt der fortwährende Wechsel der Bandmitglieder, die können gar nicht mehr gut werden.
Natürlich reicht „Dig out your soul“ nicht an die ersten beiden Alben heran, das wird wohl jeder Fan anstandslos zugeben. Das waren Meisterstücke, fünf perspektivlose Lads aus Manchester, die mit ihren drogengeschwängerten Hymnen über Zigaretten und Alkohol, Frauen, Liebe, das ewige Leben eine ganze Generation prägten. Diese Generation ist nun erwachsen, hat sich zwischenzeitlich mit anderen Bands identifiziert oder gar eine eigene Identität gefunden, aber seine Jugendliebe vergisst man nun mal nicht.
Mein Plattendealer sagte mir einmal, dass er Oasis früher auch gehört hätte, aber das wäre jetzt nichts mehr für ihn, da sei er raus. Aber Oasis liebt man nun mal oder hasst sie. Auf ewig. Die Menschen, die sie lieben, die kaufen sich auch die neuen Alben, um zu sehen, was aus der Jugendliebe geworden ist, ob sie noch taugt. Und wenn man nicht allzu sehr an alten Vorstellungen festhält, Veränderung zulässt, dann hört man auch einmal genauer hin. Was hat sie zu sagen? Was haben Oasis zu sagen?

„We live a dying dream, If you know what I mean“ singt Noel. „Falling down“ ist das zentrale Lied des Album, es gibt den Ton an. Was hat man von der Welt noch zu erwarten, für was leben wir? Es ist zudem eines des besten Stücke der letzten Jahre. Und Noel Gallagher hat hörbar an seiner Stimme gefeilt, was man von seinem Bruder Liam weniger behaupten kann. Der nölt sich dennoch wie eh und je durch das Album, zum Beispiel sehr schön auf „(get off your) high horse lady“. Wer von den ganzen Feuilettonisten noch einmal behaupten sollte, Liam könne keine Songs schreiben, der hat schon bei „The Meaning of soul“ von „Don´t believe the truth“ nicht hingehört. „I´m outta time“ ist zwar so schwülstig wie pathetisch, aber ein Liebeslied per excellence.
„Dig out your soul“ ist ein großartiges Album, mit Hängern zwar, aber ist im Gegensatz zu den letzten Alben ein großes homogenes Ganzes, bei dem man die textlichen Schwächen eines Liam, Gem und Andy im Vergleich zu Noel kaum noch wahrnimmt. Es ist natürlich kein Britpop im klassischen Sinne, weil es dafür viel zu sehr mit 60er Jahre bedeutungsschwangerer Psychedelik aufgeladen ist, aber seit wann wirft man Musikern Weiterentwicklung vor?

So called party over there

Da kann Leipzig natürlich nicht mithalten. Das war von vornherein klar. Irgendwie. Nun ist Leipzig noch nicht meine Westentasche, aber dieses Wochenende gab trotz der zwei Tage einen vorerst ganz guten Überblick über die hiesige Ausgehszene. In Berlin ist das ja nun so, das brauch ich wahrscheinlich gar nicht mehr zu erwähnen, tu es aber der Vollständigkeit halber trotzdem- wenn man keine Lust mehr auf einen Schuppen hat, stolpert man auf die Straße, überlegt wo man gerade ist und fällt auch schon in den nächsten Club, oder Bar, die noch um vier auf hat oder gerade erst öffnet. Da wird die Hauptstadt nicht zu unrecht gehypt. In Leipzig sieht das alles ein bisschen anders aus. Die Szene heißt hier Südvorstadt, konzentriert sich zum größten Teil auf die Karl-Liebknecht-Straße und hat ein paar nette Kneipen zu bieten. So richtig szenig und jung wird es hier nur am Abend, tagsüber ist es eine ziemlich lange, breite Straße, in der die Geschäfte samstags 15 Uhr schließen.
Am Freitag Abend eine Bar zu finden, die nach vier noch geöffnet hat, stellt sich wieder Erwarten als ein recht schwieriges Unterfangen heraus. Wenn man erstmal aus einem Laden raus ist, sind auch urplötzlich alle einheimischen jungen Leute verschwunden, ersetzt durch ahnungslose Neuankömmlinge wie mich mit dem ihn begleitenden Besuch aus der Großstadt. Der ist natürlich gespannt, will überzeugt werden und man selber unter Druck, denn schließlich möchte man irgendwann wieder Berliner Clubszene verwöhnte Freunde empfangen.
Und überhaupt, wo sind eigentlich die ganzen Studenten? In die Hauptstadt zum Feiern gefahren? Freitag Abend in der Moritzbastei, ein recht ordentliches Programm, Indiemusik, selbst Oasis spielen sie, das würde den ehemaligen Rockmusik als Heiligtum ansehenden und nun komplett auf den Elektronikzug aufgesprungenen DJs in Berlin im Leben nicht mehr einfallen, aber wo sind die Leute? Ein Bekannter, den ich zufällig treffe, sagt mir, dass es heute nicht so der Knaller sei, sonst wäre mehr los. Sonst? Es ist doch Studienbeginn! Müssten die Clubs nicht überquillen?!
Im sweat, was ein bisschen nach prolliger, All-you-can-dance, bad taste-Großraumdisse klingt, ist ein kleiner, im Keller gelegener Indie/Elektronik-Club an dem wir zufällig vorbei kommen, sogar in der „Szene“, die Preise sind alles andere als übertrieben, aber der Laden ist nicht mal zu 1/3 gefüllt.
Und wenn man dann noch einen verzweifelten Blick auf den Programmplan wirft, möchte man am liebsten den nächsten Getränkeladen plündern, Weinregal und extra Kühlschrank kaufen gehen und alle kennengelernten Mitneuankömmlinge zu sich nach Hause einladen. Sieht so früh am Morgen aber schlecht mit Spätkauf aus in Leipzig.