Monat: Juni 2009

Unerwartete Systemfehler

Temporärer Ausfall des Systems wegen Überhitzung. System befindet sich im Leerlaufprozess. Daten speichern. Herunterfahren. Neustart am Donnerstag nach Austausch der Festplatte und Konfiguration des Betriebssystems erwartet. Bis Freitag nächste Woche neue Daten einspeisen. Samstag: Löschen aller Daten. System abschalten.

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Life is elsewhere

Entwickelt sich Kreativität dann aus Faulheit?

Vielleicht. Ein Samen ist ja auch nicht faul, nur weil er unter der Erde ist. Er tut immer etwas. Dass die Leute später den Baum anstatt den Samen toll finden, ist schon fast unfair. Es passieren immer gute Dinge in dir, man bemerkt sie nur oft nicht. In dir selbst entsteht die ganze Zeit etwas – völlig ohne Leistungsdruck. Und ich finde, dass „Facebook“ und „Twitter“ und solche Dinge eher störend für diesen Prozess sind, weil sie es nicht zulassen, dass du Zeit nur mit dir selbst verbringst. Immer willst du den anderen etwas zeigen und dich beweisen. Das ist, als wenn man herumreist, immer und überall alles fotografiert, und am Ende sind all deine Erfahrungen lediglich ein paar bunte Bilder. Man hätte die Reise ohne Fotoapparat viel mehr genießen können.“

Regina Sepktor im Interview mit jetzt.de

seemed like the thing to do

Nur so nebenbei: Warum klaut mir jemand die Regenabwehrtüte von meinem Fahrradsattel? Damit er sich leise, still und heimlich über den nassen Po eines anderen Menschen freuen kann? Hat das etwa sadistische Züge? Oder gibt es etwa Menschen, die schnöde, weiße H&M-Tüten schick finden? Hm.

Police and the private

Jahrelang habe ich mich dagegen gesträubt an Sonntag Abenden mit meinen Eltern, allein oder wie es schon seit längerer Zeit der letzte Scheiß Schrei ist zusammen beim Public Viewing vor den Fenseher zu setzen, am besten mit einem Glas Rotwein aus dem Pappkarton und Papier und Stift um Zusammenhänge zu skizzieren und vermeintliche Täter wegzustreichen, um am Ende ganz überrascht zu tun, das war jetzt aber mal sehr schwer und verzwickt, wäre man gar nicht drauf gekommen, aber so im F6-Qualm-Rotweinmief ist das ja alles total logisch und weißt du noch, gleich am Anfang, der hat so geguckt, das war mir von vornherein klar, ich wollte es nur nicht sagen, wär ich ja der Spielverederber gewesen…

Tatort ist unbegreiflicherweise eine der erfolgreichsten Krimireihen im deutschen Fernsehen, seit 1970 hat sich nichts an der Titelmelodie geändert, Wiedererkennungswert und so, wäre ja auch zu innovativ den anachronistisch anmutenden Einspieler mal dem 21. Jahrhundert anzupassen, Stichwort Ästhetik. Die Handlungen wollen meist total komplex, verwirrend und spannend sein, verlieren aber durch die fehlende Konsequenz in der Umsetzung zunehmend an Logik und am Ende fragt man sich, wie die in ihrer bräsigen Behäblichkeit verhafteten Kommissare überhaupt den Fall lösen konnten, beziehungsweise wie solche talentlosen Schauspieler an ihre Rolle kamen – zurecht wurden diese besonders auffälligen Exemplare wahrscheinlich auch nach Konstanz oder Leipzig verlegt – passiert eh nichts. Hauptsache die ARD hat in jedem Sendegebiet ein Ermittlerteam.

Nun, nachdem ich mich in letzter Zeit zwecks fehlendem Empfang privater TV-Sender und dem resultierenden Ausbleiben, wenn nicht unbedingt logischere, so doch weitaus spannendere Blockbuster international größere Filmproduktionen zu schauen, den verschiedenen Tatorten widmete (ohne Fusel), muss ich zwar eingestehen, dass nicht alle Serien dem oben beschriebenen Bild entsprechen, doch aber der Großteil, um nicht zu sagen, allen Ermittlerteams außer denen aus Münster und München. Ob das jetzt was mit dem Anfangsbuchstaben M zu tun hat, kann ich so nicht belegen, wohl aber mit den grandiosen Schauspielern und ihrem Zusammenspiel, denen man auch gern mal die dünne Handlung verzeiht, obwohl die Drehbuchschreiber gerade in München mit mehr Rafinesse und Einfallsreichtum an ihre Arbeit gehen. Den vier Kommissaren Batic, Leitmayr, Thiel und Boerne wird neben dem Anschein ihre Arbeit gern zu tun, sogar Humor und bitterer Sarkasmus zugesprochen, Folgen werden in Echtzeit gedreht oder mit Schwarz-Weiß-Rückblenden und meist wird auf unsinnige Liebesgeschichten der Protagonisten verzichtet.

Unverständlicherweise werden noch immer Zeit und Geld in die Produktion der 13 anderen Serien investiert, womöglich um die Existen der dritten Fernsehprogrammen zu sichern.

Cheery Blossom Girl

Heute endlich auf dem Wochenmarkt am Sportforum gewesen. Der Platz für den Obst- und Gemüseverkauf wird auch Schreimarkt genannt und so war das beste Mittel gegen das akzentreiche, grammatikalisch inkorrekte Kauderwelsch schlichtweg die großen Kopfhörer mit angeschlossenem MP3-Player. Bei den endlich wieder steigenden Temperaturen hat zwar das Dränge(l)n, Fruchtreste Matschtretten, Einkaufswägelein aus dem Weg Springen usw. kein Spaß gemacht, dafür aber das, zwar nicht allerspotbilligste, dafür aber was die Qualität anbelangt beste Erdbeerangebot aus der Fülle auszumachen und mit 1 Kilo Kirschen für 2,50 Euro nach Hause zu trudeln und beim Säubern höchstens zehn davon in den Müll zu werfen.

The horror, the horror

Ich weiß gar nicht mehr, wann ich meine erste 3D-Brille auf der Nase umher trug. Muss so um die 10-Jährigkeit gewesen sein. Das Pappgestell, mit bunten Plasteschichten als Brillen“gläser“, fiel mir immer wieder von der Nase, was entweder an meiner Nase lag oder an der Pappe, die sich nicht wirklich hinter den Ohren halten wollte. Im 3D-Kino in Berlin hockend, setzte ich das Gestell immer wieder auf und ab und auf und ab, um die Optik zu vergleichen und mich von dem Anblick der sich vor mir auftuenden Leere namens Himmel zu erholen – ich sprang gerade mit einem Extremsportler aus einem Hubschrauber.

Gestern tat sich nicht der Abgrund vor mir auf, sondern vermehrt das ausgehölte Innere einer Leiche. Des öfteren hatte ich auch eine Spitzhacke im Auge, im Kopf beziehungsweise allen anderen Körperteilen, die mir in regelmäßigen Abständen auch zahlreich entgegen flogen. Nein, ich war weder auf einem Schlachtfeld (naja, obwohl…), noch in die Hände experimentierwütiger Chirurgen geraten, sondern in „My Bloody Valentine 3D“. Remakes sind ja unter Regisseuren total angesagt, wenn man mal die eigenen Mordfantasien in Bilder, Blut und Geschrei fassen möchte. Besonders japanische Horrorfilme dienen als Vorlage für hollywoodeske Schreischinken (The Grudge, The Ring etc.) oder man bedient sich der eigenen, vorherrschenden Ideenlosigkeit, dann lässt man das Ende offen beziehungsweise nicht, denn irgendwer will sich immer für irgendwas rächen (Halloween 1-6, H20; Nightmare on Elm Street 1-8; Scream 1, 2, 3; Ich weiß (noch immer) was du letzten Sommer getan hast etc.).

Patrick Lussier also nahm sich einen der ersten Slasher-Filme aus den 80er Jahren vor, My Bloody Valentine. Der kommt wie alle Slasher-Gore-Splatter-Filme (slash= aufschlitzen, gore=Blut, aufspießen, splatter=spritzen) schön blutig daher mit herumspritzenden Innerein, Körpersäften und -teilen. Im Vordergrund steht natürlich nicht die hahnebüchene Geschichte um den Sohn eines Kohleminenbesitzers, der eben diese Mine durch eine Methangasexplosion zum Einsturz bringt, wobei ein paar Bergarbeiter ums Leben kommen und der einzige Überlebende ins Koma fällt um ein Jahr später an Valentinstag aufzuwachen und sich an allen im beschaulichen Ort Harmony (oha, Sarkasmus) wegen was auch immer zu rächen, ein paar Überlebende zu hinterlassen, die 10 Jahre später, na klar, an Valentinstag, wieder von einem Gasmaskenmaskierten Irren heimgesucht werden (eine Liebesgeschichte mit schwangerer Geliebten gibt es auch noch – die wird aber an anderer Stelle zurecht bestraft), sondern das blutige Gemetzel in allen denkbaren Varianten und Blickwinkeln, natürlich in 3D und vorwiegend mit Spitzhacke. Schon in den ersten paar Minuten hat man also das Gefühl die paar hundert Morde direkt und live zu erleben, fängt quasi den mit einer Schaufel abgetrennten Kopf auf oder sieht ein Gebiss an sich vorbei fliegen. Das macht natürlich alles nur Spaß, wenn man Fan dieser Art von Filmen ist und nicht 120 Minuten über die Augen vor Angst und Schock und Ekel und Grundsatzdiskussionen über Ethik und Moral zukneift. Der Mittelteil ist im Gegensatz zu Anfang und Ende etwas blutarm, dafür soll wohl ein Hauch von Drehbuch inszeniert werden. Die Auflösung des Mörders überrascht dann aber doch (oder ich bin einfach nur ein schlechter Kriminologe) und man kann sogar ein wenig psychologischen Tiefgang erahnen, naja, oder an den Haaren herbei ziehen – ach, das kam ja gar nicht vor, die Haare in einen Schraubstock einspannen und… nun gut, gibt andere Filme in denen das gezeigt wird.

Why is it so hard to make you smile?

„Shoe gazers in blazers
Introduce you to razors, so that
The Wilson twins- they can see you
In all your glory, in all your glory“
(Have you no pride, The Donnas)

Irgendwann kommt alles wieder. Kennt man ja. Findet man in den meisten Fällen abwechselnd doof oder überflüssig. Reunions zum Beispiel oder die aber wirklich allerletzten Tourneen dahinsiechender Bands. Manchmal können solche Comebacks allerdings überaus erfreuen, gar euphorisch machen, wie die Rückkehr des Shoegaze. In der 80er Jahren standen Bands wie Spacemen 3, My Bloody Valentine oder The Jesus and Mary Chain für dichte, sphärische Gitarrenwände mit verzerrtem Synthesizer und verschiedensten Klangeffekten, unterlegt mit melancholisch-schwermütigen Texten. Heute erwecken andere Bands eine der melodischsten, experimentellsten Musikrichtungen wieder zu Leben.

Die Schwermütigkeit hört man schon in der Stimme von Brad Hargett, dem Sänger der Crystal Stilts aus New York. Bis hin zur Nuscheligkeit verzieht er die Wörter, Freude am Singen könnte man das wohl nicht nennen. Soll wohl so sein, unterstützt nur die Melancholie. Dafür ist die Freude beim Hören des Debuts Alight of Night umso größer. Feuerwerke an Atmosphären, Klängen, Szenen, Bildern, Friedhöfen auch manchmal, und dreckigen, ekstatischen Nächten. „Graveyard Orbit“ würde perfekt in einen Quentin Tarantino Film passen. Wie es immer ist, sollte man auch diese Platte mit Kopfhörern laut und mit Bier in der Nähe genießen.

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The Pains of Being Pure at Heart sind da schon etwas weicher beseitet, singen von jugendlicher Schwerelosigkeit, verlorener Liebesmüh auf ihrem selbstbetitelten Album und erinnern vom Sound her doch eher an das Debut von My Bloody Valentine Isn´t Anything. Noise Pop könnte man das ganze auch nennen oder fröhlichen Shoegaze, wie auch immer… am Donnerstag spielen sie im Berliner NBI, am 6. August in Leipzig. Sollte man sich nicht entgehen lassen.

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Die New Yorker Band Asobi Seksu gibt es dagegen schon etwas länger. Ihr zweites Album „Citrus“ aus dem Jahr 2006 übertrifft das hoch beachtete selbstbetitelte Debut jedoch nochmal um Längen. Die Stimme der Sängerin Yuki Chikudate ist einfach betörend, „verspielter Sex“, so die Überstzung des Bandnamens, trifft die Musik dann auch wohl am Besten. Verzerrt, verstärkt, verspielt, ekstatische und euphorische Klangschichten. Und dann immer wieder diese Stimme…

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The Early Days aus Schweden erinnern wiederum mehr an das Shoegaze-Klischee: verzweifelt die eigenen Schuhe anstarrend und dabei trübsinnige, schnörkellose Musik zaubernd. Ob die Schweden live überzeugen, kann man morgen im Bang Bang Club in Berlin nachhören.

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Aus Stuttgart kommt wohl die unbekannteste Band aus der Reihe. Wenn man Vagabond Stories live spielen sieht und hört, fühlt man sich direkt in die 80er zurück versetzt. Sie folgen den Wurzeln von The Jesus and Mary Chain oder Velvet Underground, etwas ruhiger zwar, wohl aber genauso eingängig. Die dichten, sphärischen Soundstrukturen sind durchdrungen von der klaren Stimme der Sängerin. Endlich mal eine deutsche Band, die sich nicht auf austauschbaren Indiepop spezialisiert hat.

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Mehr Shoegaze bitte.