La Collectionneuse

Meine allerste Platte war „Hinter all diesen Fenstern“ von Tomte. Eine Freundin schenkte sie mir 2003 oder 2004 zum Geburtstag. Das Paket mit noch anderen kleineren Geschenken drin überreichte sie mir damals auf dem gymnasialen Schulhof und ich erinnere mich daran, wie beim Auspacken und die Platte in den Händen haltend, das Cover betrachtend, an diesem Dezembertag ein wohliges Gefühl meinen Körper durchströmte. Ein kleines Kunstwerk durfte ich mein Eigen nennen, nicht nur auf die Musik bezogen (das Album ist immer noch eines meiner liebsten), sondern auch auf die Aufmachung, die angenehme Schwere des Vinyls im Vergleich zur CD, das glänzende Schwarz, die feinen Rillen, in die tatsächlich Musik gepresst sein sollte. Ich hatte zwar keinen Plattenspieler, aber das war ein lösbares Problem.
Im Laufe der Jahre habe ich mir immer mal eine Platte gekauft, ich wurde nicht wirklich zum Sammler, CDs ja, aber für Vinyl hatte ich noch keine Leidenschaft entwickelt und meistens waren sie teurer als die kleinen Plastikscheiben. Primär ging es mir darum überhaupt Musik zu haben, und damals hatte ich noch keine Ahnung von mp3 – ich wünschte ich wäre von dieser Neuerung verschont geblieben – und abgeschnittenen Höhen und Tiefen.
Aber das Durchforsten der Platten meiner Eltern, das Rumkramen in Plattenkisten in Second-Hand-Läden, die staubigen Finger danach und das auf gut Glück kaufen von alten Elvis Costello-Platten in Brighton… So eine Leidenschaft entwickelt sich ja nicht von heute auf morgen, auch wenn man auf Anhieb etwas toll finden kann. Ich weiß noch immer nicht, wie man eine Platte nun anfassen soll, auf jeden Fall ja keine Fingerabdrücke hinterlassen, aber im Endeffekt ist es ja auch egal, wie ich sie anfasse, Hauptsache sie nimmt keinen Schaden und ich kann mich über das kleine Kunstwerk in meinen Händen freuen.

Ich bin ein haptischer Mensch, ich fasse gern an, ich habe gern etwas in meinen Händen, ich möchte wissen, woher das, was ich höre oder fühle, kommt. Eine Platte in den Händen zu halten, sie vorsichtig zu reinigen und auf den Plattenspieler zu legen, die ersten Sekunden leisen Knacken und Knarzens… jedes Mal entstehen bei mir dabei Welten von Gefühlen. Und dann das schon beschriebene Gefühl sich durch Plattenkisten zu wühlen, Singles aus den 70er in den Händen zu halten, zu wissen, dass im Gegensatz zu CDs, Vinyl auch länger als 30 Jahre übersteht und dann eine Original „Heart of Glass“ von Blondie aufzulegen, macht das Musikhören zu einem Ereignis, was keine einziger kostenloser Download der Lieblingsband überbieten kann. Das klingt alles pathetisch vielleicht, aber wenn man nur kurz darüber nachdenkt, in welchen Händen eine 30 Jahre alte Blondie-Single oder Michael Jacksons „Thriller“ schon gewesen sein kann… it’s the little things, you know.

Heute kam „Get Color“ von Health auf Vinyl per Post. Ich hatte mir die CD letztes Jahr schon gekauft, mehr spontan als überlegt. Mittlerweile ist Health einer meiner Lieblingsbands, nicht zuletzt, weil sie mich live auf dem Primavera Festival in Barcelona, trotz des miesen Sounds, umgehauen haben. Ich konnte nicht anders als mir eine der auf 500 Stück limitierten Clear-Vinyls zu bestellen und als ich sie dann in den Händen hatte, wars auch wieder egal, das Album zwei Mal zu Hause zu haben.

Ich werd sie mir noch nicht anhören, denn ich habe weder einen ordentlichen Plattenspieler, noch okaye Boxen, geschweige denn überhaupt einen Verstärker. Darauf werde ich sparen und bis dahin kaufe ich mir weiter meine Lieblingsplatten auf Vinyl, zum Beispiel in Grün:


(Oasis – „Definitely Maybe“)

Oder um einfach mal nicht ins Museum zu gehen, der Kunst wegen, denn die hab ich bei mir zu Hause, dazu brauch ich nur eine Platte aus dem Schrank ziehen, sie gegebenfalls aufklappen und staunen:


(Charlotte Gainsbourg – „IRM“)

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