Monat: Februar 2011

Gegen die Synchronisierung von Filmen

(Ein paar Gedanken, die mir kamen, als ich die Kritik zu dem Film „Rango“ schrieb)

Allein die Ansage der PR-Frau vor Beginn eines Films, dass dieser jetzt in der deutschen Fassung gezeigt wird, kann die Vorfreude auf einen Film ziemlich verderben.
Dem deutschen Publikum wird nicht nur wieder die Denkleistung abgenommen, in dem die Originalfassung ins Deutsche übersetzt wird. Viel schlimmer ist, dass die Arbeit der Schauspieler überhaupt nicht gewürdigt werden kann beziehungsweise durch die Synchronisation herabgesetzt wird, so gut diese auch sein mag. Denn die Leistung liegt ja nicht nur in der Mimik und Gestik, sondern auch in der adäquaten Intonation und stimmlichen Interpretation einer Szene. Es ist eben nicht egal, ob der Schauspieler nuschelt oder klar spricht und, viel allgemeiner, wer da spricht. Dies trifft besonders für Animationsfilme zu. Die menschlichen Stimmen hauchen den am Computer erstellten Tieren, Spielzeugen, Autos etc. überhaupt erst Leben ein und übertragen ihren eigenen Charakter teilweise auf den von ihnen dargestellten. Dann ist es nämlich nicht nebensächlich, ob beispielsweise das Chamäleon Rango in dem Animationswestern „Rango“ von Johnny Depp oder jemand anderem gesprochen wird, denn die Macher des Films haben ihre Schauspieler sicherlich nicht durch Würfeln ermittelt. Da nützt es auch nichts, dass David Nathan, die deutsche Synchronstimme von Johnny Depp, wieder dessen Part übernommen hat. Nathan macht seine Sache zwar gut, aber letztendlich geht bei der Synchronisierung das Gefühl und die Emotionen, die Depp und die anderen Schauspieler in ihre Rolle gelegt haben, verloren.

Zwar ist die Übersetzung in „Rango“, besonders im Hinblick auf die vielen, verschiedenen Akzente, unerwartet gut und wenig überzogen – man denke nur an die unzähligen, misslungenen Variationen spanischer Akzente in vielen Filmen zuvor. Jedoch wird der Frevel der Synchronisation umso größer, betrachtet man die Art und Weise, wie die Schauspieler den Charakteren ihre Stimmen verliehen. Regisseur Gore Verbinski steckte seine Schauspieler nämlich nicht, wie sonst üblich, in kleine Räume, wo diese ihre Zeilen aufsagen. Verbinski ließ neben den Stimmen der Darsteller, auch deren Bewegungen und die Mimik aufnehmen. Diese wurden im Nachhinein an die Animationen angepasst. So sprachen Johnny Depp, Isla Fisher, Abigal Breslin und Bill Nighy, um nur einige der Originalstimmen zu nennen, ihre Dialoge nicht isoliert voneinander ein, sondern in unmittelbarer Interaktion miteinander. Dies beinhaltete auch entsprechende Kostüme und Bühnenbilder. Ein Erlebnis, das sich mit Sicherheit in der Interpretation der Rango-Charaktere durch die Schauspieler widerspiegelt. Diese Leistung geht in der deutschen Synchronisation leider vollkommen verloren und kann dementsprechend auch nicht wertgeschätzt werden.

Nicht zuletzt bedeutet „Dubbing“ auch doppelte Arbeit, weil ein zuvor eingesprochener Film, noch einmal eingesprochen wird. Ein Aufwand, den man sich sparen könnte, würde man den Film nur mit Untertiteln versehen – was ja eh für jede DVD getan wird.
Einen Film in der Originalsprache zu sehen, bedeutet nicht nur, das Tun der Schauspieler zu verstehen, sondern auch ein Gefühl für den Film zu bekommen und das, was er mitteilt, zu verstehen. Denn wenn man einmal die Originalfassung mit der synchronisierten verglichen hat, bemerkt man erst, wieviel bei der Übersetzung überhaupt verloren geht, wieviel in der deutschen Version auch Unsinn ist und was man eben nicht alles übersetzen kann, weil es nur im Original Sinn ergibt.

Filmkritik: Rango

RANGO ist im Prinzip ein Western, wie er im Buche steht, nur nicht ganz so ernst gemeint: Mariachi-Musik, Ritte durch die Wüste und dem Sonnenuntergang entgegen, Showdowns um 12 Uhr Mittag (die HIGH NOON-Referenz ist kaum zu übersehen), einfache Leute mit einfachen Bedürfnissen, Gerechtigkeit einfordernde Farmer, ein korrupter Bürgermeister und ein Held, der Stadt und Leute verteidigt und rettet. Regisseur Gore Verbinski (FLUCH DER KARIBIK 1-3) macht auch keinen Hehl aus seinen Einflüssen, sondern verneigt sich vor ihnen und passt sie lediglich seiner Vision des Films an, sodass Westernklischees komödiantisch überspitzt werden.

Die komplette Kritik zu dem Animationsfilm „Rango“ mit Johnny Depp, Isla Fisher, Abigail Breslin, Bill Nighy und Alfred Molina gibt es auf Filmriss.

Gar nicht eklig: Yuck

Wenn schon Gedenkband, dann richtig. Yuck spielen sich auf ihrem selbstbetitelten, ersten Album durch drei Jahrzehnte Musikgeschichte. Hauptsächlich beeinflusst vom Dinosaur Jr.-Grunge („Get Away“, „Operation“ oder das postrockig startende „Rubber“), gibt es auf „Yuck“ neben My Bloody Valentine-Shoegaze („Georgia“) auch Indiefolkrock-Referenzen („Suicide Policeman“). An welches andere Lied mich „Shook Down“ erinnert, ist mir bisher noch nicht eingefallen, aber es ist ein gutes Gefühl und geht in die Richtung Elliott Smith. Die vielen Einflüsse stören sich gegenseitig überhaupt nicht oder wirken zu viel auf einaml, sondern fließen viel eher mit jedem Lied gekonnt ineinander über.

Dass zwei der Mitglieder vorher bei „Cajun Dance Party“ waren, sagt einigen bestimmt mehr als mir; gerade in „Amylase“ reingehört, very british, bestimmt ein näheres Beschäftigen mit der Band wert, aber nicht jetzt, weil ja Yuck und die sind gar nicht „Bäh!“ (so die ungefähre deutsche Übersetzung), sondern ziemlich „Wow!“.
Auf der Homepage gibt’s einige Lieder, u.a. ein Mogwai-Remix von „Rubber“, zum freien Downlaod. Das Debut erscheint in Deutschland am 22.4. und wurde von der Band auf Soundcloud komplett zum Anhören hochgestellt bzw. kann jetzt hier genossen werden, weil Einbetten eine tolle Funktion ist.

„Sind sie besser als Oasis?“

Das fragt die deutsche Ausgabe des Rolling Stone auf ihrer neuen Ausgabe bezüglich Liam Gallaghers neuer Band „Beady Eye“ und die Frage ist ja hoffentlich entweder nicht ernst oder rhetorisch gemeint. Denn wenn ich mir die aktuelle Single „The Roller“, die dem Heft als 7“ beigelegt ist, anhöre, schlafe ich vor lauter Redundanz und langweiligen Melodien fast ein. Musikalisch ein schlechtes 60er-Zitat, dazu gewohnt mediokres Songwriting von Liam Gallagher. Und warum Bands Videos drehen, in denen sie nichts weiter machen als ihre Instrumente zu bedienen und das Lied zu singen, werde ich nie verstehen. Die Innovationskrone kriegen sie dafür sicherlich nicht. Schon gar nicht für die Vierteilung des Bildes. Wenn schon 60er, dann richtig, nicht wahr. Und der Name erst: Beady Eye.

Ach, mir tut meine Oasis-Seele noch weh.

Pläne

  1. „The Fantastic Mr. Fox“ ein zweites Mal schauen – allein der Synchronisation wegen, deren Tragweite mir erst bei den Credits bewusst wurde – nachdem Roald Dahl’s Buch hier angekommen ist und ich die Grundlage mit Wes Anderson’s Werk vergleichen kann. Die Kritik dazu gibt es dann hier.
  2. Morgen in der Pressevorführung: „Rango“. Endlich!
  3. Sonntag zusammen mit vielen, guten Menschen Fernsehen gucken und zwar: Academy Awards. „True Grit“, „Black Swan“ und „The Social Network“ muss ich nicht mehr schauen, dafür die anderen sieben Filme, die für „Best Picture“ nominiert sind (Die beste Schauspielerin steht ja wohl trotzdem schon fest) Bin ja jetzt geübt im Marathonfilmgucken.

Berlinale: The End (Danksagung)

An dieser Stelle möchte ich nicht 10 Tage Berlinale rekapitulieren, die tollsten Filme, die Menschen, die ich getroffen habe und Sätze, die gesagt wurden. Das würde all dem nicht gerecht werden und die meisten tollen und weniger tollen Dinge, die ich erlebt, gesehen und gehört habe, habe ich hier bereits (für euch hoffentlich interessant) niedergeschrieben. Einiges war nicht berichtenswert und der Rest gehört mir und meiner Erinnerung, denn alles muss man auch nicht teilen. Aber falls ihr etwas wissen wollt, dann fragt mich bitte auf jeden Fall, denn manches habe sicherlich auch bestimmt schon wieder vergessen.

Was ich an dieser Stelle tun möchte, ist mich bei TNT Film und besonders meiner Kontaktperson Diana Gertz, die ich Tag und Nacht mit jeder Kleinigkeit nerven durfte, bedanken, dir mir diese großartige Zeit in Berlin und all die Annehmlichkeiten, Eintrittskarten, Spezialbändchen, meine Unterkunft und so vieles mehr ermöglicht und mich unterstützt haben. In meinem Dank schwingt so vieles mit, was ich hier gar nicht ausdrücken kann und möchte. Ich hoffe, ihr versteht.

In einem Satz: Die Berlinale und 10 Tage konstanter Output waren zwar anstrengend, aber unglaublich toll (ich spar mir jetzt mal die hundert angebrachten Superlative). Ich würde das definitiv jederzeit wieder machen wollen.

Berlinale: También la lluvia

Den Panorama-Publikumspreis der Berlinale hatte am Samstag „También la lluvia“ von Icíar Bollaín gewonnen, der einzige Film neben „The Devil’s Double“ den ich aus der Sektion „Panorama“ gesehen habe.

Der junge, motivierte Regisseur Sebastían (Gael García Bernal) möchte die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus verfilmen. Jedoch nicht als idealisierte Vorstellung der Entdeckung der neuen Welt, sondern als Hinweis auf die Gräueltaten, der Unterdrückung und Versklavung der Ureinwohner. Als Drehort wählt die Filmcrew den Ort Cochabamba in Bolivien und die angrenzende Umgebung aus. Doch während der Dreharbeiten kommt es in dem Ort zu im größeren Unruhen unter den Einwohnern, da die Wasserzufuhr nach Cochabamba gestoppt werden soll. Nach allem was man der schon armen Bevölkerung genommen hat, nimmt man ihn nun sogar den Regen, heißt es im Film. Sebastiáns Crew, darunter sein Freund und Produzent Costa (Luis Tosar), wollen nach zahlreichen gewalttätigen Aufständen die Dreharbeiten abbrechen, doch Sebastián verharrt darauf seinen Film zu Ende zu drehen.

Szene aus "Tambien la lluvía"

Der Film spielt auf mehreren Ebenen. Bollaín erzählt eben nicht nur die Geschichte von einem idealistischen Filmemacher, der alles geben würde um seine Vision zu verwirklichen, sondern auch die des Wasserkrieges von Cochabamba im Jahr 2000. Die Dreharbeiten des Films und insbesondere der Aspekt der Unterdrückung der „Indianer“ dient in „También la lluvia“ als Metapher für den Wasserkrieg, während diesem die bolivianischen Bürger gegen Bestrebungen der Regierung aufbegehrten, die Wasserzufuhr der Dörfer zu kappen. Im Gegensatz zu der indigenen Bevölkerung, die Ende des 15. Jahrhunderts unterdrückt wurde, können sich die Bolivianer jedoch gegen eine erneute „Unterwerfung“ wehren.

Auf einer dritten Ebene geht es aber auch um politische Partizipation, Fragen stellen, nicht wegschauen. Denn Costa, dem es anfänglich nur darum geht, den Film so schnell wie möglich und kostensparend fertig zu drehen, wird immer mehr in die politische Unruhen involviert und beginnt, zwar erst widerwillig, sich mit der Situation des Landes auseinanderzusetzen. Wohingegen Sebastián, blind vor lauter Idealismus und Tatendrang, den Bezug des Krieges zu seinem eigenen Film überhaupt nicht sieht.

Zwar endet der Film etwas arg pathetisch, doch auch hier ist die stark politische Ausrichtung der Berlinale zu erkennen. Zwar thematisieren viele Filme vergangene Verbrechen oder Unruhen, doch schaut man sich die derzeitige gesellschaftspolitische Lage vieler Länder an, dann offenbaren diese Filme den umso aktuelleren Bezug. Und wenn es eines ist, das man aus dem Programm der Berlinale lernt, so man es nicht schon weiß, dann das: Politische Partizipation beginnt bei dem Interesse für die Welt, auf der wir leben.

Berlinale: A Turin Horse

Der letzte Tag der Berlinale ist fast vorbei und die Gewinner der Preise der Internationalen Jury stehen fest. Coriolanus ist nicht dabei und ich frage mich, wo die Jury ihre Augen hatte. Aber gut, ich kann die Entscheidung eigentlich nicht beurteilen, weil ich den Film „Jodaeiye Nadar az Simin“, der gleich in drei Kategorien ausgezeichnet wurde, nicht gesehen habe. War ja klar.

Szene aus "A torinói ló"

Dafür kann ich die Entscheidung der Jury beurteilen, „A torinói ló“ den Großen Preis zu geben, und das kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Wenn der ungarische Film von Béla Tarr den Preis für die quälendste Langatmigkeit und Langweiligkeit, die je im Kino zu ertragen war, bekommen hat, dann geh ich mit der Jury d’accord.
In zweieinhalb Stunden passiert im Prinzip nicht mehr, als dass sechs Tage aus dem Leben eines sehr armen, ungarischen Bauern gezeigt werden, der mit seiner Tochter zusammen lebt und die für ihn die Arbeit macht, ihn anziehen inklusive. Jeder Tag ist gleich – aufstehen, Wasser holen, eine Kartoffel zum Frühstück essen, Wäsche waschen etc. – und  außer, dass die Aktivitäten aus verschiedenen Blickwinkel und Perspektiven gezeigt werden, ändert sich nicht viel im Tagesverlauf. Das Einzige was man wirklich als Handlung bezeichne kann, ist die Weltuntergangsprognose eines Nachbarn, nach der das turinische Familienpferd plötzlich nicht mehr essen will, am fünften Tag das Wasser aus dem Brunnen verschwindet und am sechsten Tag die Glut des Ofens erlischt.

„A torinói ló“ lässt den Zuschauer mehr als ahnungslos zurück und überschreitet zudem die Geduldsgrenze. In schmerzlich langen und repetitiven Einstellungen sieht man beispielsweise den Vater nach Hause reiten, die Tochter Wasser holen, beide am Fenster sitzen. Das mag zwar das bescheidene, traurige Leben der Bauern ausdrücken, aber wirklich interessant ist das nicht, zumal das Schauen des Films sich nicht nach zweieinhalb Stunden, sondern sechs Tagen anfühlt. Man fühlt sich genauso ausgemergelt, fertig und hungrig, wie die zwei Protagonisten des Films. Aber vielleicht war das ja sogar die Intention von Béla Tarr. „A torinói ló“ jedenfalls ist nur etwas für masochistische Hardcore-Arthouse-Fans, was die Jury-Mitglieder anscheinend sind.

Berlinale: Coriolanus

Heute Abend werden die Preise der Internationalen Jury in der Sektion „Wettbewerb“ verliehen, das heißt der Goldene Bär für den besten Film und Silberne Bären für die beste Regie, Darsteller/in, Drehbuch und eine herausragende künstlerische Leistung (Kategorien: Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design). Wenn „Coriolanus“ dabei nicht mindestens einen der Preise gewinnt, werde ich mich fragen, wo die Jury ihre Augen hatte. Ich habe zwar nicht alle Wettbewerbsfilme, die um einen Bären konkurrieren ( „Pina“, „The Future“ und „True Grit“ liefen z.B. außer Konkurrenz) gesehen, aber aus allen, die ich gesehen habe, stach besonders „Coriolanus“ – unter der Regie von Ralph Fiennes – hervor. Nicht nur was die unglaubliche, schauspielerische Leistung betraf, sondern auch die Umsetzung des Shakespearschen Stoffes und seine Einbettung in die Moderne.

Fiennes‘ „Coriolanus“ spielt in einer Stadt, „die sich selber Rom nennt“, also überall sein könnte. Es herrscht Kriegszustand, die Bürger begehren  gegen die Regierenden auf, da diese das Volk hungern lassen. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen, die die Stadt in Schutt und Asche legen. Besonders die Gruppe der Volsker, angeführt von Tullus Aufidius (Gerard Butler), wollen Rom für sich erobern. Ihr größter Feind ist der hochmütige, römische Feldherr Caius Martius (Ralph Fiennes), der nach einer Schlacht um die Eroberung der Stadt Corioles gegen die Volsker den Beinamen „Coriolanus“ trägt. Von seiner machtverwöhnten Mutter Volumnia (Vanessa Redgrave) wird er in die Politik gedrängt. Doch seine Überheblichkeit gegenüber den Bürgern schürt deren Hass auf ihn und schließlich wird er durch eine List der Senatsangehörigen Brutus und Sicinius aus Rom verbannt. Coriolanus schwört auf Rache und schließt sich in seiner blinden Wut seinem Erzfeind Aufidius an.

Gerard Butler und Ralph Fiennes in "Coriolanus" © Berlinale

Fiennes sagte auf der Pressekonferenz zu „Coriolanus“, dass er eine Obsession für das Stück entwickelte, nachdem er bereits 2000 die Rolle des Coriolanus im Londoner Theater spielte. Diese Obsession hat er mit in seinen Film getragen, denn so intensiv, wie er den Coriolanus spielt, hat man das Gefühl, er würde einen direkt ansprechen. Seine Augen glühen und sein Körper bebt bei jedem noch so banalen und kurzen Satz und auch wenn man all die Shakespearschen Worte – an Originaldialogen wurde nichts geändert oder in die moderne englische Sprache übertragen – nicht sofort erfasst, so muss man nur die Augen auf Fiennes‘ Spiel gerichtet lassen und man versteht. Nicht weniger überragend ist Vanessa Redgrave als Coriolanus‘ Mutter, die ihren Stolz und ihre Würde immer zwei Meter vor sich herträgt. Redgrave ist eine britische Theaterinstitution und wenn sie auf der Leinwand erscheint, dann ist der Saal ruhig. „Wir fragten sie, wie sie das macht, aber sie selber weiß wahrscheinlich nicht mal, woher das kommt“, schwärmte Gerard Butler auf der Pressekonferenz über die 74-jährige. Am überraschendsten für viele war sicherlich Butlers Schauspielleistung, der gefragt wurde, ob es nicht schwierig für ihn gewesen sei, eine solche anspruchsvolle Rolle zu spielen, da er ja eher als Actiondarsteller bekannt ist. Butler antwortete souverän und mit ironischer Spitze auf diese Frage: „Something intellectual is always challenging for me.“

„Wenn Shakespeare heute leben würde, würde er perfekt fürs Kino schreiben“, sagte Fiennes und betrachtet man das moderne Setting des Films – die moderne Kleidung der Darsteller, eine zerstörte Stadt, wie man sie heutzutage überall auf der Welt finden könnte, moderne Waffen, wie sie in jedem Krieg verwendet werden, Nachrichten, die aus dem Fernseher tönen –, dann ist es nicht nur die Struktur und der Aufbau des Shakespearschen Stückes, sondern auch die alte englische Sprache, die mit den modernen Kriegsbildern eine grausame Symbiose eingehen.

Fiennes hat mit seinem Regiedebut nicht nur einen beeindruckendes Schauspielerensemble vor der Bühne versammelt, sondern auch William Shakespeares klassisches Stück eindrucksvoll neu interpretiert und inszeniert.

Berlinale: 9. Tag

Der vorletzte Tag der Berlinale, es ist arschkalt in Berlin (blöd, wenn man am vorigen Tag nur die dünnste Strumpfhose gewaschen hat) und die Filme, die ich noch gern gesehen hätte, sind ausverkauft. Eine Freundin erzählte mir nämlich von „The Ballad of Genesis and Lady Jaye“, einem Film über die Punk-Industrial-Band „Throbbing Gristle“ und das skurrile Leben der Avantgarde-Künstler Genesis Breyer P-Orridge und Jacqueline Breyer, die sich so eng miteinander verbunden fühlen, dass sie sich sogar zur Angleichung der Physiognomie Schönheitsoperationen unterzogen.
Dagegen riet sie mir davon ab in den Spike Jonze Kurzfilm „Scenes from the Suburbs“ zu gehen, der mit der Musik der kanadischen Band „Arcade Fire“ unterlegt ist. Jonze habe die Bilder, die in seinem Kopf beim Hören der Indiemusiker entstanden, verfilmt und herausgekommen seien dabei lediglich zusammenhangslose Sequenzen, die wohl nur Jonze selbst verstehe. Ich wollte ihn mir trotzdem gestern angucken, da die Vorstellung aber schon ausverkauft war, konnte ich auch nicht mit meiner sonst so hilfreichen Akkreditierung rein.

Dafür aber heute in die Ingmar Bergman-Ausstellung in der Deutschen Kinemathek, die ich mir mit besagter Freundin heute anschaute. Die informiert eher umfassend als detailliert über das umfangreiche Schaffen des schwedischen Regisseurs. Interessant sind aber besonders die Briefe, die ihm bekannte, erfolgreiche Kollegen, wie Stanley Kubrick, Billy Wilder oder Woody Allen, zur Freundschafts- und Ehrerweisung schickten. Oder ein Brief Bergmans an eine Vertreterin des Filmfests in Canne, in dem er seine Abneigung gegenüber dem Ausverkauf an Kunst auf Filmfestivals ausdrückt.

Bergman über das Filmfest in Canne: "Ich hasse diesen Fleischmarkt und Platz der geistigen Demütigung"

Heute Abend geht’s dann noch in „Late Bloomers“ mit Williman Hurt und Isabella Rosselini, der diesjährigen Jury-Präsidentin. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung worum es geht, aber das muss man ja auch nicht unbedingt, wenn man sich überraschen lassen will.

Nur meinen schönen, warmen Arbeitsplatz möchte ich gerade noch nicht verlassen.