Berlinale: 1. Tag

„Have it all“. Die britische Kostümdesignerin Sandy Powell erzählt bei der Pressekonferenz der Jury, was ihr ihre britische Kollegin und Jury-Vorsitzende 2009, Tilda Swinton, geraten hat. Have it all. Also: Nimm alles, was du kriegen kannst.

Ich versuche diesem Rat schon am ersten Tag Folge zu leisten und scheitere grandios. Vielleicht, weil alles viel zu neu, zu aufregend, zu bunt und blitzlichtgewitternd ist, vielleicht, weil ich mir zu viel vorgenommen habe. Aber doch bestimmt eher, weil man nicht alles auf einmal haben kann.

Mein Kopf brummt jetzt schon und sollte ich weiterhin auf 180 von einer Location zur anderen rennen, in dem Versuch, jedes Blatt, das mir in die Hand gedrückt wird, als Wertpapier anzusehen, explodiert mein Kopf am Ende, wie eine der Glühbirnen, die die Fotografen früher als Blitzlicht benutzten. Zwar bin ich dann nicht, wie die, nach einmal benutzen nicht mehr existent, dafür aber erstmal dauerhaft geschädigt. Und das will ja keiner, also ich zumindest nicht. Deswegen erstmal: ruhig.

Pläne machen, Zeitpläne. Was, wann, wo. Nicht darüber ärgern, wenn etwas mal nicht klappt, Vorführungen nicht in den Plan passen oder Pressekonferenzen überfüllt sind (wie zum Beispiel heute und dann auch noch gerade die des Casts von „True Grit“, was ja irgendwie zu erwarten war, was aber auch heißt, dass ich mich nicht in der Aura von Jeff Bridges sonnen konnte). Nicht alles sehen wollen (doch!), also nicht sehen können und daran gewöhnen. Prioritäten setzen.

Dann mal los, und zwar im 25. Stock des Kollhoff Gebäudes am Potsdamer Platz mit grandiosem Blick über Berlin und auf den roten Teppich (Bilder werden nachgereicht). Von dort aus kann man zwar nicht erkennen, wer da gerade aus einer der etlichen, in Dreierreihen stehenden, ab und zu auch noch ein Mal um den Block (Grand Hyatt) fahrenden Limousinen steigt, allerdings ist es sehr von Vorteil eine gesprächsfreudige Dame mit Fernglas neben sich sitzen zu haben. Da wird dann über die Posen der Stars fachmännisch diskutiert („Die machen komische Bewegungen und jetzt haben sie Haltungsschäden“), Annahmen darüber gemacht, wer da jetzt eigentlich post („Da kommt ein grauhaariger Mann. – Sky du Mont. – Westerwelle mit Freund.“) und über Lobhudelein der deutschen Prominenz unter sich nachgedacht („Die tun sich gerade gegenseitig beweihräuchern. – Oder sich mit dem iPhone fotografieren und sofort twittern“). Das alles mit so viel Anteilnahme, dass ich mir schon wieder wie im Kino vorkomme und entscheide, den Roten Teppich auch mal von Nahem zu betrachten. Gerade pünktlich zu Jeff Bridges‘ Ankunft, der mit frenetischem Jubel und hunderten Kameras begrüßt wird. Da man sich schon ca. drei Stunden früher an den Teppich stellen musste, um einen ordentlichen Sichtplatz mit Autogrammchancen zu bekommen, sehe ich also nichts, höre dafür umso besser, was ungefähr so klingt (und bei den Photocalls vor den Pressekonferenzen noch absurdere Ausmaße annimmt): Jeff, Jeff, Jeff, Jeff, Jeff, Jeff, Jeff, Jeff, yes, here, ja, Jeff, Jeff, Jeff, Jeff, gooood, yeah, Jeff, Jeff, Jeff, Jeff. Die Jury der Berlinale beispielsweise besteht ja aus sieben Menschen, bei der PK schrieen alle anwesenden Journalisten aber die ganze Zeit nur: Isabella, Isabella, Isabella. Schöner Name, klar, aber bitte, ein bisschen Respekt vor der Leistung der anderen Jury-Mitglieder. Also auch der anderen Darsteller von „True Grit“. Die Kritik dazu gibt’s dann morgen.

Ich respektiere die anderen Jury-Mitglieder, trotzdem sagte die Italienierin meinen Satz des Tages: „It’s my primary duty to watch films“. Sie bringt damit das auf den Punkt, was es so toll macht, ein Filmfestival zu besuchen: Filme schauen und darüber schreiben zu „müssen“ ist weniger eine Pflicht, als ein Vergnügen.

Ach. I still want to have it all.

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