Berlinale: Margin Call

Während der Bostoner Journalist noch mit seinem Jetlag zu kämpfen hat, mit der Folge nicht in die 9 Uhr-Pressevorführungen gehen zu können, hat die Russin neben mir eine ganz klare Meinung zu „Margin Call“: „Ich find ihn langweilig.“

Als langweilig würde ich den Erstling von J.C. Chandor schon deshalb nicht bezeichnen, weil man ziemlich vielen guten Schauspielern dabei zuschauen kann, wie sie ein trockenes Thema mit Leben erfüllen. Die Gespräche über Finanzgeschäfte, die Kevin Spacey, Jeremy Irons, Stanley Tucci, Demi Moore, Paul Bettany und Simon Baker als Mitarbeiter und Führungsriege einer Investmentbank führen, sind zwar dadurch nicht mehr verständlich, doch je kryptischer die Metaphern mit Musik und Scheiße werden, desto tiefer lässt man sich in den Sog der Ereignisse ziehen, die 2008 zur weltweit größten Finanzkrise führten. Hier liegt allerdings auch das Problem des Films, besonders für Menschen, die das ganze System um massenspekulatives, kreditfinanziertes Wirtschaftswachstum, das 2008 zusammenbrach, nicht verstehen (und ich behaupte nicht, ich hätte all das verstanden, wobei ein bisschen Zeitung lesen noch nie geschadet hat) und in Folge auch langweilig finden. Denn auch wenn die anfängliche Zahlenspielerei von den oben genannten Metaphern abgelöst wird, weil dem Vorstand ein mal eins erklärt werden muss, wie eigentlich das Wirtschaftssysten funktioniert, hat man zwar das Gefühl, dass wohl jetzt der Punkt gekommen ist, an dem die Wirtschaft zusammen brechen wird, aber da „Margin Call“ nicht die Folgen als Thema hat, sondern die Menschen, die all das auslösten, bleibt der Film in diesem Punkt recht vage und eklärungsbedürftigt.

Kevin Spacey in Margin Call © Berlinale

Letztendlich stellt Chandor, dessen Vater über 40 Jahre in der Finanzbranche tätig war, aber auch nicht den Anspruch das Wirtschaftssystem zu erklären. Er möchte eher die Menschen hinter den Ereignissen porträtieren, die Bänker, die man in den Nachrichten plötzlich nur noch mit zwei Kartons auf der Straße stehend und ihre Handys auf den Betonboden werfend sah. in Chandors Welt sind diese eben keine bösen Kredithaie, die die Welt mit ihrer Gier nach mehr verschuldeten, sondern auf einer universaleren Ebene auch nur einfache loyale, sich um die Zukunft und die Familie sorgende Angestellte einer Firma, die halt eine Million im Jahr verdienen, damit aber nicht rumprahlen, wie beispielsweise die Gestalten um Patrick Bateman in „American Psycho“. Die zwar wissen, dass sie diejenigen sein werden, die den Ruin der gloabeln Finanzwelt angestoßen haben, Entscheidungen aber nicht nach der eigenen Moral, sondern nach dem kollektiven Firmenbewusstsein treffen. Und wenn die von Paul Bettany gespielte Figur sagt, dass sie die Ersten sein werden, die man an den Pranger stellt, obwohl eben auch die Menschen an dem künstlich aufgeblähten Wirtschaftssystem Schuld sind, die große Häuser mit hohen Hypotheken aufnehmen um sich ein schönes Leben gönnen zu können, dann stimmt das zwar, aber indem der Film derart Partei für die Bänker ergreift, wirkt er wie ein Plädoyer auf Humanität und wird unglaubwürdig. Um diesen Aspekt zu unterstreichen, hat dann auch derjenige einen Hund (der zufällig auch gerade eingeschläfert werden muss und in der Schlussszene des Films begraben wird) der am meisten Bedenken an dem Vorhaben, die Finanzblase platzen zu lassen, hat.

Das Problem liegt also in der etwas zu dick aufgetragenen Schwarz-Weiß-Malerei, wobei die dichte, stimmige Inszenierung, das Setting, angelegt in den Büros eines Hochhauses mit atemberaubenden Blick auf New York, die schwere, schwelende Musik und die grandiosen Darsteller, wegen deren Spiel man sich überhaupt den Film anschauen sollte, besonders Paul Bettany als etwas skrupelloser aber loyaler Sidekick des guten Gewissens Spaceys, „Margin Call“ sehr sehenswert und gar nicht langweilig machen.

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