Berlinale: Yelling to the Sky

“He sounds like under water.” – “I wish he was. Permanently.”

Das Leben von Sweetness O’Hara (die Tochter von Lenny Kravitz: Zoë Kravitz) ist alles andere als schön. Ihr Vater Gordon (Jason Clarke), ein ehemaliger Polizei-Offizier, schlägt nicht nur die nervenkranke Mutter Lorene (Yolonda Ross), sondern auch ihre schwangere Schwester Ola (Antonique Smith). Von den Jugendlichen in der Nachbarschaft wird sie vom Fahrrad geprügelt und nur durch die zwar dünnen, aber durchsetzungsfähigen Fäuste Olas gerettet. Als Mutter und Schwester nacheinander vor dem prügelnden Vater fliehen, muss sich Sweetness allein in der Schule und vor ihren Rivalinnen behaupten und rutscht zusehends in das kriminelle Milieu hinein, von dem sie sich als eher strebsame Schülerin immer fernzuhalten versuchte.
Das Regiedebüt von Victoria Mahoney – die auch das Drehbuch nach eigenen, semibiografischen Erlebnissen schrieb und den Film produzierte – ist eine solide Milieustudie, die weniger an der Umsetzung, denn an der unentschlossenen Zeichnung der Charaktere krankt. Besonders die Handlungsmotivation der Figuren zwischen „gut“ und „böse“ zu wechseln, ist undurchsichtig. Der Vater beispielweise, jahrelang der alkoholkranke Familienschläger, ist von einen Moment auf den anderen der geläuterte Samariter, begleitet seine Tochter zu Schule und holt sie wieder ab. Plötzlich möchte er sein schlechtes Leben aufarbeiten, nachdem er Sweetness in die Kriminalität abrutschen sieht. Zu Recht fragt diese, wann er wieder seine Meinung ändern wird.

Aber auch bei der Charakterisierung Sweetness‘ malte Mahoney ein wenig zu stark mit schwarz und weiß. Nachvollziehbar ist zwar der Wandel der ruhigen, braven Schülerin, die die Gewalttätigkeit ihres Vaters über sich ergehen lässt, zu der aufreizenden, pöbelnden Jugendlichen, von der nun die Gewalt ausgeht, besonders gegen ihre Erzrivalin Latonya (Die „Precious“-Darstellerin Gabourey Sidibe). Wobei das Hauptproblem in den undurchsichtigen Zeitspannen liegt, sodass man als Zuschauer schätzen muss, ob die Veränderung abrupt oder sukzessive erfolgte. Gewohnheitsmäßig tendiert man eher zu „abrupt“, da eine Szene auf die andere folgt. Man geht also nicht von großen Zeitsprüngen aus, die beispielsweise wie die Entwicklung Sweetness‘ zur Drogendealerin in aufeinanderfolgenden Szenen gezeigt werden, die wie durch Augenaufschläge ein- und ausgeblendet werden, also eine sukzessive Veränderung deutlich machen. Allerdings folgt auf die Szene, in der die schwangere Ola vor dem Vater flieht, eine nächste Szene, in der der Vater gegenüber Sweetness andeutet, dass bereits 9 Monate seit dem Verschwinden Olas vergangen sind. Das wäre nicht weiter von Belang, könnte man abschätzen, in welchen Abständen beispielsweise Sweetness sich entscheidet zu ändern – mal verprügelt sie andere Jungs, dann ist sie wieder brav und kümmert sich um einen College-Platz, plötzlich fährt sie das Auto ihrer Schwester zu Schrott und so weiter. Die Szenen folgen so derart aufeinander, dass man nur von einer abrupten Veränderung ausgehen kann, die jedoch wahllos und unlogisch wirkt.

Sweetness (links) und ihre Freunde

Trotz diese Schwächen lebt der Film natürlich von seinen Darstellern, die das Geschehen authentisch machen. Auf der Premiere am Samstag Abend im Berlinale Palast wollten die Fotografen zwar größtenteils Bilder von der massigen Gabourey Sidibe, die für ihre Rolle in „Precious“ 2009 für den Golden Globe und den Acadamy Award nominiert war. Dennoch ist „Yelling to the sky“ Zoë Kravitz‘ Film, in deren ausdrucksvollem und intensiven Spiel sich der Horror ihres Umfelds spiegelt. Besonders im Zusammenspiel mit Antonique Smith ist „Yelling to the sky“ ein Zeugnis exzellenter Schauspielführung.

Im Hinblick auf diese Leistung sind die etwas zu groben, filmischen Schnitzer von Mahoneys Debut verzeihbar, sollten aber in den nächsten Filmen, die hoffentlich genauso authentisch sind, vermieden werden.

Yelling to the Sky im Berlinale-Programm:

  • 13. Februar (heute), 15 Uhr im Friedrichstadt Palast
  • 13. Februar, 20 Uhr im Urania

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