Aufhebung des Raums auf der Berlinale

„We shot in a constant Ausnahmezustand“ – Wim Wenders über die Arbeit an „Pina“

Immer öfter wurde in den letzten Monaten der Gebrauch und Ausverkauf von Dreidimensionalität im Mainstream-Film beklagt. Nachdem James Cameron 2009 mit „Avatar“ neue Maßstäbe in der 3D-Computertechnologie setzte und mit seiner neuzeitlichen „Der mit dem Wolf tanzt“-Geschichte über 760 Millionen US-Dollar einspielte, sprangen immer mehr Produktionsfirmen auf den Zug auf und dreidimensionalisierten in ihren Filmen wild herum oder bearbeiteten bereits fertig gedrehte Filme nachträglich mit der Technik. Heraus kamen dabei halbherzige Filme, in denen man angestrengt die neue Wundertechnologie suchte und sie mit Glück auch in Form einem scheinbar in den Zuschauerraum fliegenden Grashalm oder Ähnlichem fand. In das Geschehen jedenfalls fühlte man sich nicht einbezogen.

Nun widmete sich die Berlinale gleich einem ganzen Tag der unter Filmkritikern in Verruf geratenen dritten Dimension. Dabei erstaunt weniger, dass die Filme, die am Sonntag gezeigt wurden, keine großen Hollywood-Produktionen sind, denn die Berlinale fühlt sich ja eher dem Arthouse-Kino verbunden. Viel spannender ist, dass die drei sehr unterschiedlichen Filme von den herausragenden deutschen Regisseuren Wim Wenders („Pina“) und Werner Herzog („Cave of Forgotten Dreams”) und dem französischen Animationsfilmer Michel Ocelot („Les Contes de la Nuit“) stammen.


Und zumindest was Wenders betrifft, hat die Berlinale den richtigen Mut bewiesen. Denn es scheint tatsächlich so, wie Wenders in der Pressekonferenz zu seinem Film über und für die deutsche Tanztheaterlegende Pina Bausch sagt: 3D ist nirgends angebrachter als im Tanz. Wenn die Tänzer der Wuppertaler Pina Bausch-Tanzkompanie sich auf der Bühne oder an diversen Plätzen in und um Wuppertal bewegen, dann scheint es nicht nur so als würden sich die Tänzer auf den Kinobesucher zubewegen, sondern dann tanzt man mit ihnen mit, um sie herum, ist ihnen fast greifbar nahe. Wenders hat es geschafft, Fenster und Rahmen, durch die man sonst das Leinwand-Geschehen, auch in den üblichen 3D-Produktionen, betrachtet, komplett aufzuheben. Der Zuschauer ist nicht mehr nur Beobachter, er ist Teil der Szenerie, der Ereignisse, so, als würde er mittanzen. Auch wie Wenders mit der Technik spielt ist beeindruckend. In sehr weichen Schnitten verändert er beispielsweise die Szenerie, während die Bewegung eines Tänzers die gleiche bleibt oder andersherum, indem die Szenerie die gleiche bleibt, während an die Stelle einer Person eine andere tritt, die gleichen Bewegungen ausführend. Oder man sieht über die Schultern zweier Bausch-Freunde, die auf das Modell eines Theaterraums blicken, in dem sich die Tänzer bewegen. Langsam zoomt dann die Kamera in das Geschehen im Modell hinein, bis der Zuschauer Teil der Szene ist.


Dabei ist es natürlich nicht nur Wenders Regie, die beeindruckt. Besonders der ausdrucksvolle Tanz der Theaterkompanie, der zwischen martialischer Ursprünglichkeit, schmerzhafter Zerbrechlichkeit und Einsamkeit einerseits und unbändiger Lebensfreunde, Unbeschwertheit und Glück andererseits changiert, macht ja den Einsatz von 3D erst logisch. Sprache wird überflüssig, denn diese geschieht durch den Tanz und wird zusätzlich kompensiert durch 3D. Dass der spezielle Kran, mit dem die Tänzer bei ihren Aufführungen gefilmt wurden, die Größe eines Dinosauriers hatte, so Wenders in der Pressekonferenz, ist dabei weder der Leichtigkeit des Films noch die der Tänzer abträglich.

Mit gutem Grund läuft Wenders „Pina“ außer Konkurrenz im Wettbewerb, denn dieser ist derart eindrucksvoll, dass sogar eine französische Journalistin noch in der Pressekonferenz weinen musste. Das kann man übertrieben finden, aber letztendlich ist „Pina“ ja auch eine unglaublich berührende und kraftvolle Hommage an die 2009 verstorbene Bausch (mit der Wenders eine jahrelange Freundschaft pflegte), ihren gutmütigen, starken Charakter, von dem die Tänzer noch immer schwärmen, und ihr revolutionäres Tanztheater. Ein Theater, das bestimmt ist von den einfachen, essenziellen Gefühlen des Menschen, durch die Tänzer zum Ausdruck gebracht, oder wie die Tänzerin Julie Shanahan sagt: „They want to see you, simple with love“.

Pina im Berlinale-Programm:

  • 14. Februar, 14.30 Uhr im Urania
  • 14. Februar, 22.00 Uhr im Urania
  • 18. Februar, 14.30 Uhr im Urania

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