Berlinale: 4. Tag

Also gestern.
Und gestern war sehr schön. Mal abgesehen davon, dass ich den halben Tag gesessen habe, was an sich gut ist, denn ich habe zwei tolle Filme („Coriolanus“ und „Les femmes du 6ème étage“) und die dazu gehörigen Pressekonferenzen gesehen, aber das geht doch schon sehr auf den Rücken. Dennoch hat sich das Sitzen gelohnt. Denn einerseits habe ich mit ein paar sehr netten Journalisten geredet: 1. mit dem Kalifornier Steven (für diese Seite schreibend) darüber, dass die schreibenden Journalisten, die keine Fotoakkreditierung haben, in den großen Pressekonferenzen mit Staraufgebot keine Fotos machen dürfen. Was insofern für die Journalisten, die für sich oder ein kleines Magazin schreiben, schlecht ist, als sie die Fotos von Agenturen teuer kaufen müssten. Kann man sich ja aber in der Regel nicht leisten. Die Journalisten großer, bekannter Zeitungen tangiert das dagegen nicht, denn die Zeitungen haben ja meistens Verträge oder Abonnements mit den Agenturen. Das heißt also auch, dass ich die Fotos, die ich während der Pressekonferenz von beispielsweise „Margin Call“ oder „Coriolanus“ gemacht habe, nicht verwenden darf. Mit der Betonung auf „während“, denn nach Ende, wenn sich die Schauspieler für Gruppenbilder noch einmal aufreihen, ist es auch den übrigen Journalisten gestattet, ein Bild zu machen…
2. kurz mit einer netten Dame neben mir im Kino, die mir freundlicherweise Schokolade kurz vor Aufführungsbeginn anbot. Füllte meinen leeren Magen zwar nicht, besänftigte ihn aber. 3. bei der Premiere von „Coriolanus“ mit Kathrin Wirz von „Pommery“ über den Film, Halbwissen aus der Pressekonferenz auspackend und in der Annahme das Shakespeare-Stück über den römischen Feldherren Coriolanus wäre in Sandalen gedreht worden. Wie wir uns, also eher ich, geirrt haben.

(vlnr) John Logan, Gerald Butler, Vanessa Chastain, Ralph Fiennes, Vanessa Redgrave auf der Pressekonferenz zu "Coriolanus"

(v.l.n.r.) John Logan, Gerard Butler, Vanessa Chastain, Ralph Fiennes, Vanessa Redgrave auf der Pressekonferenz zu "Coriolanus"

Neben dem Reden, hat sich aber auch das Schweigen, Zuhören und Zuschauen in den Filmen gelohnt. Besonders „Coriolanus“, der bisher mein Favorit für den besten Wettbewerbsfilm ist. Es ist genau so, wie es mir Frau Wirz in einer E-Mail geschrieben hat: „Aufeinanderprallen von Sprache und Bildern habe ich so noch nicht erlebt“. Ich möchte und kann an dieser Stelle noch keine Kritik zu dem Film geben, denn das, was da gestern auf der Leinwand geschah, war einfach „mind blowing“. Ich muss erstmal die Teile meines Gehirns wieder ordnen.

„Les femmes du 6ème étage“ von Philippe Le Guay war zwar nicht ganz so berauschend, dafür aber nicht weniger schön. Der Film, angesiedelt Ende der 1960er Jahre, erzählt von dem Börsenmakler Jean-Louis Joubert, der mit seiner Frau in einem schönen Altbau wohnt. Die Wohnungen der Mieter werden von spanischen Dienstmädchen, die in der 6. Etage des Hause untergebracht sind, sauber gehalten. Aber so sauber und groß die Wohnungen der Mieter sind, so dreckig und klein sind die Zimmer der Gastarbeiterinnen. Als die junge Maria (Natalia Verbeke) zu den Frauen dazustößt und von den Jouberts als neues Dienstmädchen eingestellt wird, beginnt Jean-Louis, der zuvor in seinem bourgeoisen Leben gefangen war, sich immer mehr für die einfachen Frauen, ihr Leben und ihre Geschichte zu interessieren. Immer öfter ist er abends nicht zu Hause, distanziert sich von seiner Frau, bis diese glaubt, Jean-Louis habe eine Affäre mit einer wohlhabenden Kundin.

Natalie Verbeke auf der Pressekonferenz zu "Les femmes du 6ème étage"

Regisseur Le Guay, selbst aufgewachsen in einem gutbürgerlichen Umfeld mit einem spanischen Hausmädchen, wollte mit den Vorurteilen über Franzosen und Spanier brechen, indem er sie ironisch ausschlachtet. Zumindest sagt er das auf der Pressekonferenz: „Es gibt gar keine Unterschiede zwischen Franzosen und Spanier“. Trotzdessen ist der zwar fröhliche, witzige und schauspielerisch toll besetzte Film (besonders Natalie Verbeke als funkelndes Feuerwerk an Emotion und Passion), ein einziges Klischee. Da essen die Arbeiterklasse-Spanierinnen Paella, trinken Rotwein, singen und tanzen viel, sind laut und mit ihrem einfachen Leben glücklich. Die Oberschicht-Franzosen dagegen sind zurückhaltend, snobistisch, anspruchsvoll und nicht mal mit dem Besten zufrieden. Zwar sagt Le Guay, dass man die Charaktere nicht alle in eine Topf werfen kann und heraus kommen Spanier oder Franzosen. Das stimmt zwar insofern, als die einzelnen Frauen natürlich alle verschieden sind mit ihren Ansichten und Einstellungen und jeweiligen feiner gezeichneten Charakterzügen. Dennoch serviert Le Guay  mit „Les femmes du 6ème étage“ leider eine große Schüssel Klischee-Brei.

Les femmes du 6ème étage im Berlinale-Programm:

  • 15. Februar, 15 Uhr im Friedrichstadt Palast
  • 15. Februar, 22.30 Uhr im Urania
  • 20. Februar, 15.30 Uhr im Friedrichstadt Palast

Coriolanus im Berline-Programm:

  • 15. Februar, 12 Uhr im Friedrichstadt Palast
  • 15. Februar, 15.30 Uhr im Urania
  • 15. Februar, 23 Uhr im Friedrichstadt Palast
  • 20. Februar, 12.30 Uhr im Friedrichstadt Palast

Was mich heute auf der Berlinale erwartet, erfahrt ihr hier. Und Live-Infos von der Berlinale gibt’s auf Twitter.

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