Berlinale: Wer wenn nicht wir

Wenn die kanadische Journalistin in der Pressekonferenz zu „Wer wenn nicht wir“ vermutet, dass die Deutschen eine Affinität zur Aufarbeitung der Schuldfrage haben, dann hat sie vielleicht insofern Recht, als dass deutsche Filmemacher die Geschichte ihres Landes nicht glorifizieren. Andres Veiels „Wer wenn nicht wir“ untersucht aber nicht Schuld, Bereuen oder Traumatisierung der Deutschen durch die RAF-Anschläge und deren Folgen Anfang der 70er Jahre, sondern vielmehr die Entstehung und die Gründe der Radikalisierung von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Bernward Vesper. Diese seien, so Veiel, noch viel zu wenig beleuchtet worden. Man sehe immer nur die Bilder der Anschläge, aber nie die Motivation der Menschen, die hinter diesen Anschlägen standen.

Veiel setzt ein, als sich Gudrun Ensslin und Bernward Vesper in der Universität kennenlernen. Die beiden verbindet nicht nur das literarische Interesse, sondern von Beginn an die politische Vergangenheit ihrer Eltern: Vespers Vater ist ein bekannter, glühender Hitler-Anhänger, Ensslins Vater diente wider Willens in der Armee unter Hitler. Besonders Ensslin verachtet ihren Vater dafür, dass er von dem Unrecht und der Falschheit seines Handelns wusste, aber nichts dagegen getan hat. Als Vesper und Ensslin mit dem gemeinsamen Sohn nach Berlin ziehen, schließen sie sich der linken Opposition an. Doch während Vesper versucht über Flugblätter und Literatur, also Worte, die Menschen für den Widerstand gegen die Staatsmacht zu mobilisieren, schließt sich Ensslin dem linksextremen Andreas Baader an, mit dem sie später die RAF gründet, und den Worten Taten folgen lässt.

Bernward Vesper (August Diehl) und Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) bei einer Sitzung der Oppositionellen

Was den Film so spannend macht, ist sein aktueller Bezug. Deshalb will Veiel seinen Film auch nicht als Historienfilm verstanden wissen, sondern eher als Studie darüber, was Menschen motiviert zu handeln, wie sie handeln, wie Politisierung und Radikalisierung stattfindet. Deshalb sei, so Veiel, „Wer wenn nicht wir“ auch ein Film über das Fragen stellen, über das Nachdenken der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation eines Landes und das Stellungbeziehen, sich positionieren, gerade im Hinblick auf die derzeitigen Unruhen in vielen Teilen der Erde. Dabei ergreift Veiel keineswegs Partei für die RAF-Terroristen, sondern nähert sich den Überzeugungen, Handeln und Interagieren der Protagonisten fast schon dokumentarisch, da der Blick immer auf sie und ihre politische und geistige Entwicklung gerichtet ist. Unterbrochen wird die Handlung, die mehrere Jahre von dem Kennenlernen Gudrun Ensslins und Bernward Vespers, bis zu der Inhaftierung Ensslins umfasst, von Archivaufnahmen verschiedener, weltpolitischer Ereignisse, wie die Erschießung John F. Kennedys, die als Hintergrund für das politische Klima und die Politisierung dienen.
Aber nicht nur das Thema selbst, sondern besonders auch die Hauptdarsteller August Diehl, Lena Lauzemis und Alexander Fehling, die in ihrem intensiven Spiel immer leicht am Wahnsinn kratzen, lassen den Zuschauer über das eigene politische Mitwirken nachdenken. Im besten Fall regt der Film dazu an, überhaupt ein Bewusstsein für Politik und Gestaltungsprozesse zu erlangen und an ebendiesem zu partizipieren, wenn auch bzw. besonders nicht nicht in einer derart extremen Form, wie die von Ensslin und Baader ausgeübten. Es geht nicht um das Durchsetzen von Ideen und Überzeugungen mittels Radikalität, sondern allgemein um politisches Interesse.

Wer wenn nicht wir im Berlinale-Programm:

  • 18. Februar, 12 Uhr im Friedrichstadt Palast
  • 18. Februar, 23 Uhr im Friedrichstadt Palast
  • 19. Februar, 17.30 Uhr im Urania

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