Die Berlinale und das Entscheidungsproblem

Was wirklich schade an dem umfassenden Programm der Berlinale, mit den über 400 Filmen, die in den verschiedenen Sektionen gezeigt werden, Podiumsdiskussionen, Pressekonferenzen etc., ist, dass man nicht mal ansatzweise die Bandbreite des Angebotes wahrnehmen kann. Entweder man nimmt so viel, wie man kann, an Filmen mit. Ein Kollege erzählte mir von Filmverrückten, die sich bis zu sieben Filme am Tag ansehen. Wirklich intelligent und Filmliebend finde ich das allerdings nicht, da man sich zwischen den Filmen ja keine Zeit nimmt, diese zu verarbeiten und zu überdenken, in Folge also ihre Botschaft zu verstehen, geschweige denn all die kleinen Details rekapitulieren zu können, die einen Film besonders machen.

Eine andere Möglichkeit ist, sich gezielt Filme oder Veranstaltungen nach Interesse rauszusuchen. Nur fängt da das Problem an, denn meistens interessiert man sich für so vieles, schwankt zwischen Genuss und Maßlosigkeit und muss am Ende einsehen, dass eben nicht alles geht. So viele Möglichkeiten, so viele Dinge, die man noch sehen und machen möchte. Das Programm der Berlinale bedeutet für den Interessierten ein einziges großes Entscheidungsproblem und meistens ärgert man sich, wenn man irgendeinen Film nicht gesehen hat, von dem aber alle schwärmen, den muss man gesehen haben und überhaupt ist der Film DER Anwärter für den Goldenen Bären. Dann schreibt man den auf eine Liste, die abzuarbeiten so schon drei Leben dauern würde bzw. nie wieder arbeiten.

Liam Neeson, Diane Kruger und Bruno Ganz in "Unknown"

Gerade auf der Berlinale werden so viele unterschiedliche Filme gezeigt, dass man den Fokus auf irgendetwas legen muss, sei es Sektion, ein bestimmtes Genre oder das Kino, das der Wohnung am nahesten ist. Und man sollte sich definitiv nicht darüber ärgern, bei der Wahl ein Mal daneben gelegen zu haben, beispielsweise weil man dachte, dass in der Sektion „Wettbewerb“ eigentlich gute Filme laufen müssten, denn die werden schließlich mit dem wichtigsten Preis der Berlinale, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet.

Also vergisst man einfach so einen Berlin-Thriller-Quatsch wie „Unknown“, der, wie es sich für einen ordentlichen Blockbuster gehört, mit explodierenden Autos und Hotels, Autoverfolgungsjagden (Berlin eignet sich ja auch besonders gut die Straßenbahn zu involvieren) durch die Innenstadt und kruden Story-Twists aufwartet. Die Geschichte ist dabei genauso unwichtig, wie die Frau an der Seite des Protagonisten/Stars (Liam Neeson), der den Film trägt und eine, wie die Explosionen, atemberaubende Charakterwandlung erfährt. Ganz wichtig ist außerdem das humanitäre/ökologische Thema, also Rettung der Menschheit. Wenn dann am Ende wieder alles gut ist und er und sie ein neues Leben beginnen, nimmt man sich das Gleiche nach Verlassen des Kinosaals vor, vergisst den Film sehr schnell, ärgert sich auch nicht über diesen Griff ins Klo und beginnt erneut mit der Suche nach dem nächsten Film im Programm.

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