Filmkritik: The Fighter

Es scheint als würde Christian Bale alle fünf Jahre die Rolle seines Lebens spielen: erst den paranoiden Yuppie-Killer in „American Psycho“ 2000, fünf Jahre später einen an Amnesie leidenden Schlaflosen in „The Machinist“ und nun den Crack-süchtigen Boxtrainer Dicky Eklund in „The Fighter“. Zu Unrecht wird Bale als profilloser Schönling bezeichnet, denn in all diesen Rollen übertritt er immer wieder körperliche und schauspielerische Grenzen; genau dann, wenn man denkt, man habe schon alles gesehen. Zu Recht hat er deshalb auch vor zwei Wochen den Oscar für die beste schauspielerische Leistung erhalten. Seine Darstellung des alternden, Crack-abhängigen Boxers, der nicht groß werden will, wirkt so mühelos und überzeugend echt, aber auch gleichzeitig so furchteinflößend, dass man Angst hat, Bale betreibe Method Acting.

„The Fighter“ erzählt zwar die „Rocky“-Geschichte vom Fall und Aufstieg des Boxstars Micky Ward (Mark Wahlberg), der versucht der Vororthölle, seiner bevormundenden Manager-Mutter Alice (Melissa Leo) und den sieben, dauerkeifenden White-Trash-Schwestern, zu entkommen. Letztendlich ist „The Fighter“ aber die Geschichte von Dicky, der seinen Bruder Micky in den Anfangsjahren seiner Karriere trainiert. Dicky war selbst mal ein gefeierter Boxer, verfällt nach seinem einzigen, großen Erfolg jedoch den Drogen. In dem Glauben, ein Fernsehteam verfilme seine Erfolgsstory, gewährt er den Journalisten Einblick in sein Leben, besonders dem als Crack-Süchtiger. Doch Dicky ist dermaßen dauerzugedröhnt, dass er, selbst auf mehrmalige Hinweise des Filmteams, nicht bemerkt, was das tatsächliche Thema des Films ist. Erst als „Crack in America“ im Fernsehen ausgestrahlt wird, hat Dicky seinen ersten luziden Moment seit Jahren und beginnt sein Leben neu zu ordnen.

„The Fighter“ dreht sich besonders im ersten Teil mehr um den körperlichen und geistigen Verfall von Dicky und dementsprechend füllt Bale mit seiner Präsenz die Leinwand. So ist der Werdegang von Micky, der im zweiten Teil stärker thematisiert wird, eher zweitrangig. Daran kann auch Mark Wahlberg nichts ändern, der zwar seit Jahren konstant gut spielt, aber seinem schauspielerischen Repertoire wenig hinzufügt. Der Gegenpol zu seinem etwas dümmlich-charmanten Micky bildet dessen Freundin Charlene, dargestellt von Amy Adams. Charlene ist gebildet, durchsetzungsfähig und hat eine große, eloquente Klappe. Der Film will es so, dass die beiden zusammenfinden; wie das Leben halt so spielt. Aber zwischen Adams und Wahlberg entwickelt sich leider keine richtige Chemie, zumal Adams immer ein bisschen besser spielt und in ihren paar Minuten Präsenzzeit mehr Ausstrahlung als Wahlberg im ganzen Film hat.
Warum gerade Melissa Leo als Mickys und Dickys Mutter Alice den Oscar als beste Hauptdarstellerin bekommen hat, erschließt sich zwar irgendwie so halb, aber eigentlich nicht ganz. Zwar changiert sie gekonnt zwischen verschiedenen Stufen der Hysterie, mehr holt sie aus der neunfachen Mutter, die den bösen Wolf fressen würde, bedrohte dieser ihre Schäfchen, aber auch nicht raus.

Was „The Fighter“ neben den schauspielerischen Leistungen aber auch sehenswert macht, ist David O. Russels (Regie) Spiel mit den Möglichkeiten der Darstellung. Mal wird das Geschehen aus der Perspektive einer subjektiven Fernsehkamera gezeigt, im nächsten Moment sieht man die Familie Dickys den Boxkampf im Fernsehen verfolgen, einen anderes Mal bildet die Kamera des Fernsehteams den Rahmen, durch den der Zuschauer die Ereignisse verfolgt, und in der nächsten Szene werden diese wieder aus Sicht einer auktorialen Kamera dargestellt. Dabei verliert sich Russel nicht in Spielereien mit der Perspektive, bei denen man schnell den Überblick verlieren könnte. Auch ist „The Fighter“ konstant in den dunkleren Tönen der Farbpalette gehalten, sodass die runtergekommene, bildungsferne White-Trash-Abgrund fast spürbar wird und eher Beklemmung als Erleichterung über das eigene, buntere Leben auslöst.

„The Fighter“ ist zwar ein bisschen vorhersehbar – was nicht zuletzt an der zugrundliegenden, wahren Geschichte liegt – aber, gerade was die Inszenierung und Schauspielleistung anbelangt, ziemlich großes Kino.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s