Gibt’s eigentlich auch Sojajoghurt, der schmeckt? – So habe ich die ersten 4 Wochen Veganismus erlebt

Ich habe irgendwann in den letzten fünf Monaten entschieden, mich vegan zu ernähren. Nein, ihr müsst mir dafür nicht – je nach persönlichem Empfinden oder Ernährungsweise – applaudieren oder versuchen, mir das schnellstmöglich wieder auszureden. Es war eine Entscheidung, die ich zwar spontan getroffen habe, aber die lange in mir wie ein guter alter Käse reifte und immer wieder genährt wurde durch Gespräche in unserer Redaktion, in der es viele Vegetarier und Veganer gibt. Ich hatte also so eine Ahnung, was da auf mich zukommen würde, aber mit diesen ersten vier Wochen habe ich dann doch nicht gerechnet.

Woche 1

Mein Freund ist erstmal nicht begeistert von der Entscheidung, denn für ihn kommt diese viel zu spontan und radikal. Von carnivor auf vegan. Er hat Angst, dass ich ihm gleich das Fleisch aus dem Froster um die Ohren haue und in die Milch spucke. Dass er nie wieder mit mir essen gehen kann und nur noch trocken Brot mit trocken Gemüse essen darf. So schlimm ist es natürlich nicht. Mir ist recht egal, was die Menschen in meinem Umfeld essen. Ich will niemanden bekehren und ehrlich gesagt, will ich vor allem erstmal herausfinden, wo es den besten Joghurtersatz gibt. Denn, seien wir mal ehrlich, Sojajoghurt schmeckt meistens scheiße. Die Farbe sieht aus wie grauvergilbte Raucherwohnungswand und die Konsistenz erinnert an gestockte Milch. Die Alternativen überzeugen mich noch nicht: In Sojajoghurt mit Geschmack sind immer Tonnen Zucker enthalten, alles mit Mandeln darf der umweltbewusste Kosmopolit ja eigentlich auch nicht mehr essen und auch Kokosnuss soll jetzt mindestens genauso schlimm sein wie Butter. Na toll.

Woche 2

In meinen mäßig schmeckenden Sojajoghurt mische ich jetzt immer Proteinpulverchen, denn in der ersten Woche habe ich das Gefühl, 10kg verloren zu haben. Ich esse so regelmäßig wie vorher, also morgens, mittags und abends, aber meiner Verdauung, das muss jetzt an der Stelle auch mal gesagt werden, geht’s bestens. Blendend. So gut wie nie. Sprich: Der Körper verwertet anscheinend so wenig von der aufgenommenen Nahrung, dass alles gefühlt direkt durchrutscht. Ich fühle mich wie eine Kuh. Inklusive der Ausscheidung von täglich 300 Litern Metangas. Okay, so schlimm ist es nicht, aber ich brauche verwertbare Kost. „Bohnen, Nüsse, Brokkoli, Quinoa, Linsen, Hafer und Kartoffeln.“ sage ich mir täglich als Mantra auf und beginne wie ein Eichhörnchen für den Winter protein- und kohlenhydratreiche Vorräte zu kaufen und zu horten. Nebenbei wundere ich mich, dass in ungefähr jedem Lebensmittel Molke enthalten ist. In der Gemüsebrühe! In glutenfreiem Brot! Geht’s noch!? Und warum sind gerade Oreo-Kekse und Mannerwaffeln vegan?

Woche 3

Einer meiner Kollegen ist jetzt auch Veganer. Er kommt fast täglich mit neuen tollen, teuren Entdeckungen vom LPG um die Ecke ins Büro. Jackfrucht als Fleischersatz für 5 Euro das Gramm, Käse aus Mandeln für zehn Euro je 100 Gramm. Geschenkt! Glücklicher- und komischerweise vermisse ich Käse kein bisschen, obwohl ich früher immer als erste geschrien habe: „Auf Käse könnte ich NIIIEE verzichten.“ Ich hatte schon vor meinem neu gewonnenen Veganismus aus diversen Gründen keine Lust mehr auf Milch, sodass es mir nun umso leichter fällt, sie gar nicht zu trinken, geschweige denn daran zu denken. Mit Fleisch und Fisch fällt es mir schon etwas schwerer. Im Restaurant schwärmt mir mein Freund von dem butterweichen Filet vor (ja, er ist bis hierhin tatsächlich nicht verhungert) und der Lachs glänzt so wunderbar rosa, dass ich am liebsten meine Gabel darin versenken würde. Ich hatte mir im Vorhinein gesagt, dass ich mich nicht allzu sehr geißeln und ja sowieso auch keine vierwöchige Diät machen will, sondern das jetzt erstmal auf unbestimmte Zeit ausprobieren möchte – also koste ich hier und da nanokleine Stücke. Nur um danach immer wieder festzustellen, wie schlecht ich mich mittlerweile dabei fühle und wie wenig mir es dementsprechend auch schmeckt.

Woche 4

Nachdem mich meine Mutter als verrückt bezeichnete und ein paar meiner Freunde anfänglich noch skeptisch beäugten und auf die ersten Anzeichen von B12-Mangel und Eisenarmut warteten, geht’s mir super. Ich hatte und habe immer noch eine genetisch bedingte Talgdrüsenstörung an den Armen, die zu kleinen, aber großflächig auftretenden Pickelchen führt. Diese sind nun fast verschwunden, auch wenn meine Hautärztin behauptet, dass das mit der Ernährungsumstellung nicht zu tun hätte. Ich kenne meinen 29 Jahre alten Körper besser und denke mir meinen Teil. Vor allem denke ich mir, wie leicht mir das Ganze fällt – bis ich plötzlich raus aus Berlin fahre und mein kleines grünes Kartenhaus in einem Frittierfettdunst aus Schnitzel und Pommes zusammenfällt. Nein, liebe Gastronomen, Schinkennudeln sind nicht vegetarisch. Wie ich außerhalb vom veganen Wunderland Berlin überlebe – dafür brauche ich mindestens noch weitere vier Wochen.

erschienen auf mitvergnuegen.com

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