TNT Film Berlinale Blogger

TNT Film sucht den Berlinale Blogger 2012


Der eine oder andere erinnert sich vielleicht daran, dass ich letztes Jahr 10 Tage aus Berlin von der Berlinale gebloggt habe; viele tolle (manchmal auch weniger tolle) Filme schaute und wunderbare Menschen kennenlernte; Pressekonferenzen, Ausstellungen und Partys besuchen durfte; mich mit Exklusiv-Pässen superwichtig fühlte und ungemein viel über Filme und die Filmbranche erfuhr. Das alles hatte furchtbar viel Spaß gemacht und ich bin TNT Film sehr dafür dankbar, dass sie mir die Chance gaben, mich im großen Filmbusiness als Journalistin zu beweisen und mir damit eine der besten Zeiten meines Lebens schenkten.

Dieses Jahr sucht TNT Film wieder einen Berlinale Blogger. Wer auch leideschaftlich gern Filme schaut und dazu noch Talent zum Schreiben und einen eigenen Blog hat, der kann sich noch zum 23.1. hier bewerben. Wenn ich nochmal dürfte, ich würde mich auf der Stelle bewerben. Viel Erfolg also all denen, die es versuchen!

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Berlinale: The End (Danksagung)

An dieser Stelle möchte ich nicht 10 Tage Berlinale rekapitulieren, die tollsten Filme, die Menschen, die ich getroffen habe und Sätze, die gesagt wurden. Das würde all dem nicht gerecht werden und die meisten tollen und weniger tollen Dinge, die ich erlebt, gesehen und gehört habe, habe ich hier bereits (für euch hoffentlich interessant) niedergeschrieben. Einiges war nicht berichtenswert und der Rest gehört mir und meiner Erinnerung, denn alles muss man auch nicht teilen. Aber falls ihr etwas wissen wollt, dann fragt mich bitte auf jeden Fall, denn manches habe sicherlich auch bestimmt schon wieder vergessen.

Was ich an dieser Stelle tun möchte, ist mich bei TNT Film und besonders meiner Kontaktperson Diana Gertz, die ich Tag und Nacht mit jeder Kleinigkeit nerven durfte, bedanken, dir mir diese großartige Zeit in Berlin und all die Annehmlichkeiten, Eintrittskarten, Spezialbändchen, meine Unterkunft und so vieles mehr ermöglicht und mich unterstützt haben. In meinem Dank schwingt so vieles mit, was ich hier gar nicht ausdrücken kann und möchte. Ich hoffe, ihr versteht.

In einem Satz: Die Berlinale und 10 Tage konstanter Output waren zwar anstrengend, aber unglaublich toll (ich spar mir jetzt mal die hundert angebrachten Superlative). Ich würde das definitiv jederzeit wieder machen wollen.

Berlinale: También la lluvia

Den Panorama-Publikumspreis der Berlinale hatte am Samstag „También la lluvia“ von Icíar Bollaín gewonnen, der einzige Film neben „The Devil’s Double“ den ich aus der Sektion „Panorama“ gesehen habe.

Der junge, motivierte Regisseur Sebastían (Gael García Bernal) möchte die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus verfilmen. Jedoch nicht als idealisierte Vorstellung der Entdeckung der neuen Welt, sondern als Hinweis auf die Gräueltaten, der Unterdrückung und Versklavung der Ureinwohner. Als Drehort wählt die Filmcrew den Ort Cochabamba in Bolivien und die angrenzende Umgebung aus. Doch während der Dreharbeiten kommt es in dem Ort zu im größeren Unruhen unter den Einwohnern, da die Wasserzufuhr nach Cochabamba gestoppt werden soll. Nach allem was man der schon armen Bevölkerung genommen hat, nimmt man ihn nun sogar den Regen, heißt es im Film. Sebastiáns Crew, darunter sein Freund und Produzent Costa (Luis Tosar), wollen nach zahlreichen gewalttätigen Aufständen die Dreharbeiten abbrechen, doch Sebastián verharrt darauf seinen Film zu Ende zu drehen.

Szene aus "Tambien la lluvía"

Der Film spielt auf mehreren Ebenen. Bollaín erzählt eben nicht nur die Geschichte von einem idealistischen Filmemacher, der alles geben würde um seine Vision zu verwirklichen, sondern auch die des Wasserkrieges von Cochabamba im Jahr 2000. Die Dreharbeiten des Films und insbesondere der Aspekt der Unterdrückung der „Indianer“ dient in „También la lluvia“ als Metapher für den Wasserkrieg, während diesem die bolivianischen Bürger gegen Bestrebungen der Regierung aufbegehrten, die Wasserzufuhr der Dörfer zu kappen. Im Gegensatz zu der indigenen Bevölkerung, die Ende des 15. Jahrhunderts unterdrückt wurde, können sich die Bolivianer jedoch gegen eine erneute „Unterwerfung“ wehren.

Auf einer dritten Ebene geht es aber auch um politische Partizipation, Fragen stellen, nicht wegschauen. Denn Costa, dem es anfänglich nur darum geht, den Film so schnell wie möglich und kostensparend fertig zu drehen, wird immer mehr in die politische Unruhen involviert und beginnt, zwar erst widerwillig, sich mit der Situation des Landes auseinanderzusetzen. Wohingegen Sebastián, blind vor lauter Idealismus und Tatendrang, den Bezug des Krieges zu seinem eigenen Film überhaupt nicht sieht.

Zwar endet der Film etwas arg pathetisch, doch auch hier ist die stark politische Ausrichtung der Berlinale zu erkennen. Zwar thematisieren viele Filme vergangene Verbrechen oder Unruhen, doch schaut man sich die derzeitige gesellschaftspolitische Lage vieler Länder an, dann offenbaren diese Filme den umso aktuelleren Bezug. Und wenn es eines ist, das man aus dem Programm der Berlinale lernt, so man es nicht schon weiß, dann das: Politische Partizipation beginnt bei dem Interesse für die Welt, auf der wir leben.

Berlinale: A Turin Horse

Der letzte Tag der Berlinale ist fast vorbei und die Gewinner der Preise der Internationalen Jury stehen fest. Coriolanus ist nicht dabei und ich frage mich, wo die Jury ihre Augen hatte. Aber gut, ich kann die Entscheidung eigentlich nicht beurteilen, weil ich den Film „Jodaeiye Nadar az Simin“, der gleich in drei Kategorien ausgezeichnet wurde, nicht gesehen habe. War ja klar.

Szene aus "A torinói ló"

Dafür kann ich die Entscheidung der Jury beurteilen, „A torinói ló“ den Großen Preis zu geben, und das kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Wenn der ungarische Film von Béla Tarr den Preis für die quälendste Langatmigkeit und Langweiligkeit, die je im Kino zu ertragen war, bekommen hat, dann geh ich mit der Jury d’accord.
In zweieinhalb Stunden passiert im Prinzip nicht mehr, als dass sechs Tage aus dem Leben eines sehr armen, ungarischen Bauern gezeigt werden, der mit seiner Tochter zusammen lebt und die für ihn die Arbeit macht, ihn anziehen inklusive. Jeder Tag ist gleich – aufstehen, Wasser holen, eine Kartoffel zum Frühstück essen, Wäsche waschen etc. – und  außer, dass die Aktivitäten aus verschiedenen Blickwinkel und Perspektiven gezeigt werden, ändert sich nicht viel im Tagesverlauf. Das Einzige was man wirklich als Handlung bezeichne kann, ist die Weltuntergangsprognose eines Nachbarn, nach der das turinische Familienpferd plötzlich nicht mehr essen will, am fünften Tag das Wasser aus dem Brunnen verschwindet und am sechsten Tag die Glut des Ofens erlischt.

„A torinói ló“ lässt den Zuschauer mehr als ahnungslos zurück und überschreitet zudem die Geduldsgrenze. In schmerzlich langen und repetitiven Einstellungen sieht man beispielsweise den Vater nach Hause reiten, die Tochter Wasser holen, beide am Fenster sitzen. Das mag zwar das bescheidene, traurige Leben der Bauern ausdrücken, aber wirklich interessant ist das nicht, zumal das Schauen des Films sich nicht nach zweieinhalb Stunden, sondern sechs Tagen anfühlt. Man fühlt sich genauso ausgemergelt, fertig und hungrig, wie die zwei Protagonisten des Films. Aber vielleicht war das ja sogar die Intention von Béla Tarr. „A torinói ló“ jedenfalls ist nur etwas für masochistische Hardcore-Arthouse-Fans, was die Jury-Mitglieder anscheinend sind.

Berlinale: Coriolanus

Heute Abend werden die Preise der Internationalen Jury in der Sektion „Wettbewerb“ verliehen, das heißt der Goldene Bär für den besten Film und Silberne Bären für die beste Regie, Darsteller/in, Drehbuch und eine herausragende künstlerische Leistung (Kategorien: Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design). Wenn „Coriolanus“ dabei nicht mindestens einen der Preise gewinnt, werde ich mich fragen, wo die Jury ihre Augen hatte. Ich habe zwar nicht alle Wettbewerbsfilme, die um einen Bären konkurrieren ( „Pina“, „The Future“ und „True Grit“ liefen z.B. außer Konkurrenz) gesehen, aber aus allen, die ich gesehen habe, stach besonders „Coriolanus“ – unter der Regie von Ralph Fiennes – hervor. Nicht nur was die unglaubliche, schauspielerische Leistung betraf, sondern auch die Umsetzung des Shakespearschen Stoffes und seine Einbettung in die Moderne.

Fiennes‘ „Coriolanus“ spielt in einer Stadt, „die sich selber Rom nennt“, also überall sein könnte. Es herrscht Kriegszustand, die Bürger begehren  gegen die Regierenden auf, da diese das Volk hungern lassen. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen, die die Stadt in Schutt und Asche legen. Besonders die Gruppe der Volsker, angeführt von Tullus Aufidius (Gerard Butler), wollen Rom für sich erobern. Ihr größter Feind ist der hochmütige, römische Feldherr Caius Martius (Ralph Fiennes), der nach einer Schlacht um die Eroberung der Stadt Corioles gegen die Volsker den Beinamen „Coriolanus“ trägt. Von seiner machtverwöhnten Mutter Volumnia (Vanessa Redgrave) wird er in die Politik gedrängt. Doch seine Überheblichkeit gegenüber den Bürgern schürt deren Hass auf ihn und schließlich wird er durch eine List der Senatsangehörigen Brutus und Sicinius aus Rom verbannt. Coriolanus schwört auf Rache und schließt sich in seiner blinden Wut seinem Erzfeind Aufidius an.

Gerard Butler und Ralph Fiennes in "Coriolanus" © Berlinale

Fiennes sagte auf der Pressekonferenz zu „Coriolanus“, dass er eine Obsession für das Stück entwickelte, nachdem er bereits 2000 die Rolle des Coriolanus im Londoner Theater spielte. Diese Obsession hat er mit in seinen Film getragen, denn so intensiv, wie er den Coriolanus spielt, hat man das Gefühl, er würde einen direkt ansprechen. Seine Augen glühen und sein Körper bebt bei jedem noch so banalen und kurzen Satz und auch wenn man all die Shakespearschen Worte – an Originaldialogen wurde nichts geändert oder in die moderne englische Sprache übertragen – nicht sofort erfasst, so muss man nur die Augen auf Fiennes‘ Spiel gerichtet lassen und man versteht. Nicht weniger überragend ist Vanessa Redgrave als Coriolanus‘ Mutter, die ihren Stolz und ihre Würde immer zwei Meter vor sich herträgt. Redgrave ist eine britische Theaterinstitution und wenn sie auf der Leinwand erscheint, dann ist der Saal ruhig. „Wir fragten sie, wie sie das macht, aber sie selber weiß wahrscheinlich nicht mal, woher das kommt“, schwärmte Gerard Butler auf der Pressekonferenz über die 74-jährige. Am überraschendsten für viele war sicherlich Butlers Schauspielleistung, der gefragt wurde, ob es nicht schwierig für ihn gewesen sei, eine solche anspruchsvolle Rolle zu spielen, da er ja eher als Actiondarsteller bekannt ist. Butler antwortete souverän und mit ironischer Spitze auf diese Frage: „Something intellectual is always challenging for me.“

„Wenn Shakespeare heute leben würde, würde er perfekt fürs Kino schreiben“, sagte Fiennes und betrachtet man das moderne Setting des Films – die moderne Kleidung der Darsteller, eine zerstörte Stadt, wie man sie heutzutage überall auf der Welt finden könnte, moderne Waffen, wie sie in jedem Krieg verwendet werden, Nachrichten, die aus dem Fernseher tönen –, dann ist es nicht nur die Struktur und der Aufbau des Shakespearschen Stückes, sondern auch die alte englische Sprache, die mit den modernen Kriegsbildern eine grausame Symbiose eingehen.

Fiennes hat mit seinem Regiedebut nicht nur einen beeindruckendes Schauspielerensemble vor der Bühne versammelt, sondern auch William Shakespeares klassisches Stück eindrucksvoll neu interpretiert und inszeniert.

Berlinale: 9. Tag

Der vorletzte Tag der Berlinale, es ist arschkalt in Berlin (blöd, wenn man am vorigen Tag nur die dünnste Strumpfhose gewaschen hat) und die Filme, die ich noch gern gesehen hätte, sind ausverkauft. Eine Freundin erzählte mir nämlich von „The Ballad of Genesis and Lady Jaye“, einem Film über die Punk-Industrial-Band „Throbbing Gristle“ und das skurrile Leben der Avantgarde-Künstler Genesis Breyer P-Orridge und Jacqueline Breyer, die sich so eng miteinander verbunden fühlen, dass sie sich sogar zur Angleichung der Physiognomie Schönheitsoperationen unterzogen.
Dagegen riet sie mir davon ab in den Spike Jonze Kurzfilm „Scenes from the Suburbs“ zu gehen, der mit der Musik der kanadischen Band „Arcade Fire“ unterlegt ist. Jonze habe die Bilder, die in seinem Kopf beim Hören der Indiemusiker entstanden, verfilmt und herausgekommen seien dabei lediglich zusammenhangslose Sequenzen, die wohl nur Jonze selbst verstehe. Ich wollte ihn mir trotzdem gestern angucken, da die Vorstellung aber schon ausverkauft war, konnte ich auch nicht mit meiner sonst so hilfreichen Akkreditierung rein.

Dafür aber heute in die Ingmar Bergman-Ausstellung in der Deutschen Kinemathek, die ich mir mit besagter Freundin heute anschaute. Die informiert eher umfassend als detailliert über das umfangreiche Schaffen des schwedischen Regisseurs. Interessant sind aber besonders die Briefe, die ihm bekannte, erfolgreiche Kollegen, wie Stanley Kubrick, Billy Wilder oder Woody Allen, zur Freundschafts- und Ehrerweisung schickten. Oder ein Brief Bergmans an eine Vertreterin des Filmfests in Canne, in dem er seine Abneigung gegenüber dem Ausverkauf an Kunst auf Filmfestivals ausdrückt.

Bergman über das Filmfest in Canne: "Ich hasse diesen Fleischmarkt und Platz der geistigen Demütigung"

Heute Abend geht’s dann noch in „Late Bloomers“ mit Williman Hurt und Isabella Rosselini, der diesjährigen Jury-Präsidentin. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung worum es geht, aber das muss man ja auch nicht unbedingt, wenn man sich überraschen lassen will.

Nur meinen schönen, warmen Arbeitsplatz möchte ich gerade noch nicht verlassen.

Berlinale der Bürger

Ich habe mir sagen lassen, dass im Gegensatz zu anderen großen Filmfestivals in Europa, beispielsweise in Cannes oder Venedig, die Berlinale das bürgernaheste Filmfest ist. Tatsächlich hat man als Festivalbesucher den Eindruck, dass die Berlinale eigentlich weniger dafür da ist, Stars den Hof zu machen, sondern viel mehr die Menschen für Filmkunst begeistern will: Angefangen bei den unzähligen Vorführungen nach denen auch schon mal die Hauptdarsteller und Macher sich den Fragen des Publikums stellen, den Podiumsdiskussionen mit Filmemachern über beispielsweise die verschiedenen Schritte der Produktion eines Films, über den Berlinale Talent Campus, bei dem es jungen Filmemachern möglich ist eigene Produktionen einzureichen, bis zu Veranstaltungen für Kinder, in denen sie ein Verständnis für Film entwickeln können. Die Berlinale ist so viel mehr als nur ein Haufen international bekannte Schauspieler auf einmal auf den roten Teppich zu karren.

Dieter Kosslik, Berlinale-Festivaldirektor, auf dem roten Teppich

Wo wir beim nächsten Punkt wären: Der rote Teppich. Anstatt die Schauspieler meilenweit darüber laufen zu lassen, bis sie in der Februarkälte Berlins erfroren sind, und die Fans genauso meilenweit von ihren Idolen entfernt stehen zu lassen, ist der Teppich so kurz wie nötig gehalten, ohne viel Brimborium um seine Existenz und Bedeutung. Die Fans stehen direkt dort, wo der Star aus dem Auto entlassen wird, und der kann sich entscheiden, ob er erst Autogramme gibt oder sich den Fotografen zum Fraß vorwirft (Zitat eines Journalisten: „Die sind wie Tiere“).

Standing Ovations für Armin Müller-Stahl bei der Vergabe des Goldenen Ehrenbären. Im Anschluss wurde der 1990 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Film "Music Box" mit Müller-Stahl gezeigt.

Genauso charmant unprätentiös sind die Preisverleihungen, zumindest die, die ich bisher erlebt habe. Keine pompöse Bühnendeko, lange Reden, Musikeinlagen oder Wirbel um ein paar Stars, sondern Preisvergaben für die man auch Karten kaufen kann (mit Ausnahme der Verleihung des Goldenen Bären und der Eröffnungsveranstaltung) und im Anschluss an die verdienten Standing Ovations für den Beschenkten, ein Film, den Publikum, Berlinale-Jury und Schauspieler zusammen gucken.

Natürlich gibt es auch elitärere Lounges und Partys, für die man spezielle Einladungen braucht, aber gerade auf der Berlinale ist es ja auch so möglich seinem Lieblingsschauspieler plötzlich über den Weg zu laufen, beispielsweise bei der Premiere eines Films am Abend. Dann ist das zwar immer noch sehr sehr aufregend, aber man fühlt sich nicht mehr kurz vor dem Herzstillstand, weil man sich über die Möglichkeit des Treffens ja schon vorher bewusst war.

Berlinale: Arbeitsplatz

Immer nur im Hotel oder eingepfercht zwischen anderen Journalisten zu arbeiten, macht ja auch keinen Spaß und da ich ja schon die Möglichkeit habe, meine Texte im 24. Stock des Kollhoff-Hauses bei Sekt, Häppchen und einer tollen Aussicht auf Berlin zu schreiben, mach ich das natürlich auch.

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Die Berlinale und das Entscheidungsproblem

Was wirklich schade an dem umfassenden Programm der Berlinale, mit den über 400 Filmen, die in den verschiedenen Sektionen gezeigt werden, Podiumsdiskussionen, Pressekonferenzen etc., ist, dass man nicht mal ansatzweise die Bandbreite des Angebotes wahrnehmen kann. Entweder man nimmt so viel, wie man kann, an Filmen mit. Ein Kollege erzählte mir von Filmverrückten, die sich bis zu sieben Filme am Tag ansehen. Wirklich intelligent und Filmliebend finde ich das allerdings nicht, da man sich zwischen den Filmen ja keine Zeit nimmt, diese zu verarbeiten und zu überdenken, in Folge also ihre Botschaft zu verstehen, geschweige denn all die kleinen Details rekapitulieren zu können, die einen Film besonders machen.

Eine andere Möglichkeit ist, sich gezielt Filme oder Veranstaltungen nach Interesse rauszusuchen. Nur fängt da das Problem an, denn meistens interessiert man sich für so vieles, schwankt zwischen Genuss und Maßlosigkeit und muss am Ende einsehen, dass eben nicht alles geht. So viele Möglichkeiten, so viele Dinge, die man noch sehen und machen möchte. Das Programm der Berlinale bedeutet für den Interessierten ein einziges großes Entscheidungsproblem und meistens ärgert man sich, wenn man irgendeinen Film nicht gesehen hat, von dem aber alle schwärmen, den muss man gesehen haben und überhaupt ist der Film DER Anwärter für den Goldenen Bären. Dann schreibt man den auf eine Liste, die abzuarbeiten so schon drei Leben dauern würde bzw. nie wieder arbeiten.

Liam Neeson, Diane Kruger und Bruno Ganz in "Unknown"

Gerade auf der Berlinale werden so viele unterschiedliche Filme gezeigt, dass man den Fokus auf irgendetwas legen muss, sei es Sektion, ein bestimmtes Genre oder das Kino, das der Wohnung am nahesten ist. Und man sollte sich definitiv nicht darüber ärgern, bei der Wahl ein Mal daneben gelegen zu haben, beispielsweise weil man dachte, dass in der Sektion „Wettbewerb“ eigentlich gute Filme laufen müssten, denn die werden schließlich mit dem wichtigsten Preis der Berlinale, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet.

Also vergisst man einfach so einen Berlin-Thriller-Quatsch wie „Unknown“, der, wie es sich für einen ordentlichen Blockbuster gehört, mit explodierenden Autos und Hotels, Autoverfolgungsjagden (Berlin eignet sich ja auch besonders gut die Straßenbahn zu involvieren) durch die Innenstadt und kruden Story-Twists aufwartet. Die Geschichte ist dabei genauso unwichtig, wie die Frau an der Seite des Protagonisten/Stars (Liam Neeson), der den Film trägt und eine, wie die Explosionen, atemberaubende Charakterwandlung erfährt. Ganz wichtig ist außerdem das humanitäre/ökologische Thema, also Rettung der Menschheit. Wenn dann am Ende wieder alles gut ist und er und sie ein neues Leben beginnen, nimmt man sich das Gleiche nach Verlassen des Kinosaals vor, vergisst den Film sehr schnell, ärgert sich auch nicht über diesen Griff ins Klo und beginnt erneut mit der Suche nach dem nächsten Film im Programm.

Berlinale: Forum-Party in der Volksbühne

Ich kannte zwar all die Menschen, die die Volksbühne gestern Abend füllten nicht, aber ein netter Sounddesigner mit dem ich kurzweiligen Smalltalk über Film, Musik, Film, Musik, Haarschnitte, Leben in Berlin, Musik, Film führte, erklärte mir, dass die alle superwichtig und mindestens Underground-prominent sind. Leider konnte ich nicht allzu lange bleiben, weil Freigetränke böse sind und ich wieder früh aufstehen musste, aber immerhin habe ich nun endlich die Volksbühne von innen gesehen und wünsche meinen nächsten Geburtstag dort zu feiern. Danke.

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